Wenn die falsche Fahne flattert

Wenn die falsche Fahne flattert

Südafrika hat keine Probleme - bis auf eines

Das sonnige Südafrika, gilt dem Westen seit der 1994 erfolgten Machtübernahme durch die ehemalige Terrororganisation African National Congress (ANC) unter Nelson Mandela und seinen kommunistischen Verbündeten als ein demokratisches Land. Die jüngst absolvierten Allgemeinen Wahlen, in Österreich mit den Nationalratswahlen zu vergleichen, verliefen nach afrikanischem Standard relativ ruhig und in geordneten Verhältnissen. Will sagen, es wurden keine Oppositionellen auf offener Straße erschossen oder verbrannt, keine Geschäfte unliebsamer politischer Gegner geplündert und abgefackelt und auch keine Wahlurnen mit eigens vorgefertigten ausgetauscht.

Das in früheren Zeiten fraglos zur Ersten Welt zählende Land am Kap erfreut sich inzwischen an den Errungenschaften der Demokratie. In vielerlei Hinsicht steht der unausweichliche Kollaps bevor, wobei die ausufernde, vom Staat nicht unter die Kontrolle zu bringende Kriminalität, die in allen Ministerien, Ämtern und Behörden – vor allem bei der Polizei – übliche Korruption und die quasi als Staatsräson gehandhabte rassistische Quotenregelung Affirmative Action zählen. Ganz zu schweigen von der sich stetig ausbreitenden Aidsseuche, die als gewaltige Bedrohung die gesamten Strukturen des südafrikanischen Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssystems wie ein gewaltiger Tsunami unter sich wegzuspülen droht.

Nichtsdestotrotz erfreuen sich die Südafrikaner aller Volksangehörigkeiten - will sagen zumindest die 66%, die als registrierte Wähler im April Jacob Zuma gewählt haben -, nun an einer wahren Frohnatur als Präsident. Vergessen sind unzählige Fälle Korruption und Sexverbrechen, deren er noch bis vor kurzen angeklagt war. Heute stützt sich Südafrika auf einen bekennenden Poligamisten, der bekanntlich als Schutzmaßnahme gegen Aids »Duschen nach dem Sex« empfohlen hat und seitdem in den meisten Karikaturen mit einer Dusche über dem Kopf abgebildet worden war. Doch all der Spott konnte seine Wahl zum Staatsoberhaupt nicht verhindern. Ehre wem Ehre gebührt – oder anders ausgedrückt: das Wahlvolk hat den Repräsentanten bekommen, den es verdient.

In Südafrika soll bekanntlich kommendes Jahr die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden. Sollten sich tatsächlich Sportbegeisterte aus Europa der Gefahr aussetzen, zum Zipfel des afrikanischen Kontinents zu fliegen, könnte dies zu einem Schlüsselerlebnis für sie werden. Für diejenigen unter ihnen, die Südafrika vor 1994 bereist und liebgewonnen haben, könnte die Reise allerdings einem Kulturschock gleichkommen. An Bettler und Straßenverkäufer an faktisch jeder Straßenkreuzung, wird man sich vielleicht noch gewöhnen. Auch wenn nach dem zehnten Halt an einer Ampel die Nerven blank liegen dürften, die auf Mitleid erregend getrimmten und sich emsig zwischen den Autos bewegenden zwielichtigen Gestalten abzuwimmeln.

 

 

Diese Adrenalinstöße sind im Vergleich aber noch nichts gegen die Fahrten auf Überlandstraßen und Autobahnen. Gewiß, hier wird man weniger von Schmuddelkindern mit klimpernden Spendendosen oder Billigware wie Plastikkleiderbügeln und hüpfende Spielzeugaffen belästigt. Dafür muß man um so mehr die Fahrbahn im Auge behalten. Und zwar konzentriert, wenn man nicht mit voller Geschwindigkeit in eines der plötzlich auftretenden Schlaglöcher geraten will, die schon mal einen Meter lang und dreißig oder vierzig Zentimeter tief sein können. Auch sollte man auf zunächst noch freundlich winkende Fußgänger auf Brücken achten – diejenigen, die sich hinter Büschen verstecken um plötzlich vorzupreschen, sieht man in der Regel ja nicht. Diese Zeitgenossen haben sich darauf spezialisiert, mit Farbbeuteln auf Autoscheiben zu werfen, um so den Fahrer zum Anhalten zu zwingen und ihn überfallen und ausrauben zu können. Nein, ein Miesmacher derjenige, und ein undemokratischer noch dazu, der behauptet, Südafrika habe Probleme.

 

Der Nationalsport, zumindest unter der Mehrheit der weißen Südafrikaner, ist bekanntlich Rugby. Die Stadien sind samstags bis auf den letzten Platz ausgebucht, und das, obwohl die meisten Sportbegeisterten klagen, nicht mehr die Kosten für Miete, Darlehenstilgung oder Schulgelder aufbringen zu können. Na ja, solange Rugby gespielt wird, ist die Welt halt noch in Ordnung! Das war sie kürzlich auch in Pretoria, als die Blou Bulle, die Kultmannschaft der Hauptstadt, im Endspiel um die Meisterschaft einen sensationellen Rekordsieg von dannen trugen. Wie Name der Mannschaft bereits sagt, sind die Vereinsfarben blau. Folglich war das Stadion gefüllt mit einem Meer von blauen Fahnen und T-Shirts. Unter den Zigtausenden Fahnen war allerdings eine, die aus dem Rahmen fiel: Ein Junge schwenkte die bis 1994 gültige Nationalflagge Südafrikas Oranje-Blanje-Blou. Dieser zehnjährige Rugby-Anhänger sorgte damit für einen Eklat.

 

Der stellvertretende Sportminister Gert Oosthuizen hyperventilierte förmlich und bezeichnete es als »absolut tragisch, daß es immer noch Menschen gibt, die so etwas tun«. Das sei besonders schade, da ja der südafrikanische Sport international so erfolgreich sei, ließ sich der in der Nationalen Partei aufgestiegene und zum ANC übergewechselte Parlamentarier in der afrikaansen Tageszeitung Die Burger zitieren. Für Außenstehende ist der tiefe Gehalt diese Aussage nicht von vornherein erkennbar. Denn man muß wissen, daß das heutige Regime auch nach 15 Jahren an der Macht, eine immense Angst davor hat, daß sich der wirtschaftstragende Teil des Landes auf die Tage besinnen könnte, als man beispielsweise abends beruhigt schlafen gehen konnten, ohne Angst haben zu müssen, in der Nacht von organisierten Verbrecherbanden überfallen und zu Tode gefoltert zu werden. Die 1994 durch eine »afrikanischere« Flagge ersetzte, in orange, weiß und blau gehaltene Nationalflagge steht heute, wenigstens für die besagte wirtschaftstragende Bevölkerungsgruppe, mehr denn je als Symbol für ein ehemals hochqualifiziertes, funktionierendes und sicheres Land. Für die andere Gruppe, die sich gern als »ehemals benachteiligte« bezeichnet und generell alle Unzulänglichkeiten und Fehler in der Sicherheits-, Wirtschafts- und Erziehungspolitik auf die »Schuld der Apartheid« schiebt, ist sie es natürlich nicht. Da ist es auch unerheblich, daß jene in der Regel gar kein Rugby mag, sondern lieber Fußball spielt. Allerdings sitzen ihre Vertreter heute an den Machthebeln der Redaktionen, Direktionen und Ministerien.

Und nicht zuletzt auch in den Sportverbänden. Die Vereinsführung der »Blauen Bullen« distanzierte sich umgehend von »solchen Aktionen« und wies darauf hin, daß es ihr Standpunkt sei, »alte südafrikanische Flaggen nicht mehr in Stadien zuzulassen«. Das mag politisch korrekt und zeitgeistgerecht gedacht sein. Anderseits hat man bislang noch nichts darüber vernommen, daß sich die Führung von Fußballvereinen davon distanzierte, geschweige denn, daß sie um Verbote ringen würde, wenn auf den Rängen ihrer Arenen aus den Kehlen der Fans schallende Schlachtrufe wie »Kill the Farmer! Kill the Boer!« ertönen. Das zeigen der alten südafrikanischen Fahne, so die opportunistischen Funktionäre, würde »Bevölkerungsteile« an die Apartheid erinnern und deshalb zu »Rassenhaß und Gewalt« anstacheln. Deshalb sei ein Flaggenverbot zu befürworten. Erinnern sich aber nicht auch »Bevölkerungsteile« an Bombenanschläge und Halskrausenmorde, wenn – wie in Fußballstadien keine Seltenheit – freudig ANC-Flaggen geschwenkt werden?

Südafrika wird in nächster Zukunft zu beweisen haben, was Demokratie wirklich wert ist. Von demokratischen Errungenschaften wie Gesinnungsstrafrecht und den angeblichen Waffen einer »wehrhaften Demokratie« wie dem Verbieten und Einstampfen ungenehmer Bücher und der Strafverfolgung von Menschen, die unliebsame Meinungen geäußert haben, die der offiziellen Geschichtsschreibung widersprechen, ist Südafrika bislang noch nicht belastet. In dieser Hinsicht scheint über Südafrika tatsächlich noch die Sonne. Und wenigstens das sollte so bleiben.

© Die Aula (Graz), Heft 9/2009, S. 28-29.