Der Alten Götter Abendmahl

von Friedrich Hebbel

Zu Rothschild um die Mauern braust ein gewalt'ger Sturm
Es schlängeln sich die Blitze rot glühend um den Turm
Ein Wolkenbruch ergießt sich, daß Eich' und Tanne kracht
Und all den Graus verschleiert die dickste Mitternacht.

Zwei ries'ge Wanderer schreiten hinein noch in die Stadt
Sie sind vom wilden Wetter nicht eben allzu matt
Denn statt am Tor zu klopfen um Einlaß, wie's gebührt
Sind sie mit mächt'gen Schritten darüber hinspaziert.

Vor einer alten Kirche, da bleiben beide stehn
Sie scheinen Lust zu haben, in sie hineinzugehn
Doch ist die Tür verschlossen, und wär auch viel zu klein
Da steigen alle beide ins Fester keck hinein.

Und draußen wird es stille, die Donner schweigen schnell
Doch drinnen in der Kirche, da wird es plötzlich hell
Es glüht und blitzt und dröhnet im alten dunklen Haus
Als täten drin die Götter die Donnerwolken aus.

Die Wanderer geraten bis vor den Hochaltar
Die heiligen Geschirre, die glänzen blank und klar
In goldnen Kannen funkelt der dunkelrote Wein
Denn morgen soll das Nachtmahl des Herrn gefeiert sein.

Die Wandrer setzen schweigend die Kanne an den Mund
Und leeren sie auf einmal, recht tief, bis auf den Grund
Doch scheint es nicht als hätte der Trunk gemundet sehr
Sie schütteln stumm die Häupter, sehn sich nicht um nach mehr.

Die Wandrer kommen weiter bis an das Königsgrab
Sie steigen schwer und langsam zur dunklen Gruft hinab
Unheimliches Gewimmer dringt aus der Särge Chor
Sie blicken ernst und finster, dann steigen sie empor.

Nun reden sie zusammen, indem sie fürbaß gehn
Doch ist's wie Meeresbrausen, man kann es nicht verstehn
Dann aus dem Fester steigen sie wiederum hinaus
Da blitzt's und donnert's wider, da kehrt der alte Graus.

Das waren Thor und Odin, die hatten sich verirrt,
Da ward den Unwillkommnen de Christentempel Wirt
Sie sahn mit wenig Wonne, was auf der Welt geschaf
Und seufzten tief und innig: wär Ragnaroke da!

Als nun am andern Morger die Schar der Gläubgen kam
Und aus des Priesters Händen die Sakramente nahm
Da fühlten sie im Innern wie niemals sich bewegt
Zu aller Lust des Fleisches gewaltsam angeregt.

Sie nahmen nicht die Bibel, die Schwerter in die Hand
Und zogen in die Schenken mit ihrem Festgewand
Es brauste wild und glühend von Götterkraft und Lust
Aus den geweihten Kannen ein Sturm durch ihre Brust!