The Winslow Boy in Braunschweig

Empörte Reaktionen auf den grundlosen Rauswurf der Molau-Kinder

 

Schwer zu kauen hat derzeit die Freie Waldorfschule Braunschweig an dem Vorgehen der Schulleitung gegen den achtjährigen Sohn und die elfjährige Tochter ihres langjährigen Lehrers Andreas Molau. Wie berichtet, hatte der 36-Jährige, der nicht Mitglied der NPD ist, am 15. Oktober 2004 das Arbeitsverhältnis zum Jahresende gekündigt, weil er künftig als wissenschaftlicher Berater der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag tätig sein will. Die Schulleitung hat daraufhin die beiden Kinder des Lehrers von der Schule ausgeschlossen. Nicht angekränkelt von Gewissensbissen informierte sie davon am 9. November die Presse.

Ein Achtjähriger und eine Elfjährige haben keine Bataillone?

Noch am Mittwoch vergangener Woche zeigte man sich in der Führungsetage der Waldorfschule ganz zufrieden mit der getroffenen Entscheidung. Man glaubte offenbar, den Weg des geringsten Widerstandes gefunden zu haben, indem man sich gegen die Kleinsten wendet. Ein Achtjähriger und eine Elfjährige haben schließlich keine Bataillone. Ein Irrtum.

Was in Braunschweig passiert ist, appellierte so unmittelbar an das Gerechtigkeitsempfinden von Bürgern und Journalisten, dass sich über alle politischen Lager hinweg breiter Widerstand gegen den willkürlichen Rauswurf der beiden Kinder formierte. Die National-Zeitung ist am Mittwoch vergangener Woche mit einem die Hintergründe beleuchtenden Interview mit Molau an die Öffentlichkeit gegangen. Am nächsten Tag nahm sich das ARD-Fernseh-Magazin „Panorama“ des Falles an, den die „Populisten“ von der National-Zeitung „bereits auf die Titelseite gehoben“ hätten.

info@waldorfschule-bs.de

Nach Angaben von Mitgliedern der Schulgemeinschaft sind die Proteste, die die Schule nunmehr per Telefon, Telefax, elektronischer Post und Brief erreichen, zu einem wahren Sturm angewachsen. Selbst während vergangene Woche das Panorama-Team bei dem Geschäftsführer der Schule, Michael Kropp, war, klingelte bei diesem das Telefon. Das Internet-„Gästebuch“ der Waldorfschule wird, wie aus Kreisen der Schule bekannt wird, mit kritischen Einträgen eingedeckt, die aber der Zensur zum Opfer fallen. An die E-Mail-Adresse der Schule – info@waldorfschule-bs.de – gehen Hunderte von elektronischen Nachrichten, in denen Kritik geübt wird.

In der Schulleitung liegen mittlerweile die Nerven blank. Die zweite Geschäftsführerin der Schule, Barbara Mai, schrieb Andreas Molau am Tag nach der Panorama-Sendung eine wütende E-Mail: „Warum erzählen Sie in Ihren zahlreichen Interviews (z. B. National-Zeitung) nicht, wie Sie die Schule 8 Jahre lang feige und hinterhältig getäuscht und mißbraucht haben?“ Damit gemeint ist die schlichte und sicherlich nicht zu beanstandende Tatsache, daß Molau die politische Zurückhaltung wahrte, die von jedem Lehrer zu verlangen ist. Wie dies den Rauswurf der beiden Kinder rechtfertigen soll, bleibt auch weiterhin das Geheimnis der Schulleitung.

Die Schulleitung, die den Fall selbst mit Pressemitteilungen verbreitet und dem NDR eine Drehgenehmigung erteilt hatte, muß nun feststellen, daß ihr Schuß nach hinten losgegangen ist. Sie verübelt es Molau, daß er das an seinen Kindern verübte und von der Schule stolz verkündete Unrecht nicht so stehen lassen will. Dem Vater hingegen war klar, daß der Darstellung der Schule widersprochen werden mußte. Auch nach Meinung von Psychologen ist seinen Kindern nämlich mehr gedient, wenn die Familie nicht alles schluckt. Es ist durchaus in ihrem Interesse und hilft ihnen bei der Bewältigung der Situation, wenn die Öffentlichkeit zur Kenntnis nimmt, daß sie zu Unrecht rausflogen.

Das kalte Herz hat nicht gesiegt

Ein Trost dürfte den Molaus bereits sein, daß die im Anschluß an die Panorama- Sendung durchgeführte Umfrage auf der Internetseite http://www.ndrtv.de/panorama/umfrage/index.shtml eine überdeutliche Mehrheit von mehr als 83 Prozent gegen den Rauswurf der beiden ergibt. Das kalte Herz hat nicht gesiegt. Die „angeborene Gutmütigkeit und Weichherzigkeit der Deutschen“, von der einst Stendhal in seinem 1822 erschienenen Buch De l'amour sprach – sie ist noch da.

Daß mit einem unbegründeten Rauswurf von Kindern generell nicht zu spaßen ist, hätte der Schulleitung allerdings bekannt sein sollen. Das berühmte Theaterstück „The Winslow Boy“ des Briten Terence Rattigan, ein Lehrbeispiel verletzten Gerechtigkeitsempfindens, handelt davon. Es basiert auf der wahren Geschichte des George Archer-Shee, der als 13-jähriger Kadett aus dem College verwiesen wurde, weil er angeblich eine Fünf-Shilling-Briefmarke aus dem Spind eines Kameraden gestohlen habe. Sein Vater kämpfte fortan für seine Rehabilitierung.

Andreas Molau hat es leichter als einst Archer-Shee senior. Er muß nicht erst nachweisen, sondern jeder weiß: Seine Kinder haben gar nichts Unrechtes getan, man hat ihnen Unrecht getan!

 

© RA Gerhard Frey, National-Zeitung, Nr. 50/2004