Rufmord - So wird's gemacht!
Übersetzung aus The Practice of Ritual Defamation
von Laird Wilcox (1990)
Rufmord oder Diffamierung ist die Zerstörung oder versuchte Zerstörung des guten Rufes, der Karriere oder des Privatlebens einer Person oder Personengruppe durch schriftliche oder mündliche Behauptungen, die falsch, ungerecht oder böswillig sind.
Im folgenden geht es dabei um den Fall, in dem Diffamierung als Waffe gegen eine wirkliche oder vermutete Einstellung, Meinung oder Überzeugung des Opfers eingesetzt wird, um dieses mundtot zu machen und damit seinen Einfluß auf andere zu unterbinden und/oder um ein warnendes Beispiel zu geben, das ähnliche Bezeugungen von Unabhängigkeit und »Mangel an Takt« oder die Mißachtung von Tabus verhindert.
Methodische Diffamierung unterscheidet sich von einfacher Kritik und Auseinandersetzung durch ihre Natur und ihr Ausmaß, denn sie ist aggressiv, organisiert und geschickt inszeniert durch eine Organisation oder eine Person, die die Interessen einer bestimmten Gruppe vertritt. Außerdem zeichnet sich dieses Vorgehen durch ganz bestimmte Züge aus.
Wenn hier von »Kontrollmaßnahmen« die Rede ist, so ist dies nicht im Sinne von Maßnahmen der Obrigkeit gemeint, sondern es handelt sich um das Streben einzelner Gruppen nach Kontrolle.
Hier nun die charakteristischen Züge von Diffamierung als Kontrollmaßnahme:
1. Das Opfer hat ein bestimmtes Tabu in der einen oder anderen Weise mißachtet, meistens durch eine Meinungsäußerung oder durch Gutheißen einer verbotenen Einstellung, Meinung oder Überzeugung. Dabei braucht es darüber hinaus nichts getan zu haben oder dies auch nur versucht zu haben. Es genügt die Tatsache, in irgendeiner Weise seiner Meinung Ausdruck gegeben zu haben.
2. Beim Angriff mittels Diffamierung geht es darum, das Opfer persönlich zu diffamieren und dabei die kritisierte Einstellung, Meinung oder Überzeugung höchstens oberflächlich zu streifen. Persönlicher Rufmord ist die wichtigste Waffe.
3. Eine wichtige Regel ist dabei, die geäußerte Meinung rundheraus zu verdammen und jede ehrliche Diskussion über ihren Wahrheitsgehalt oder ihre Richtigkeit zu vermeiden. Eine Diskussion gibt nämlich Anlaß zu einer näheren Betrachtung der Dinge, um die es sich handelt, und die Einbringung von objektiven Argumenten. Genau das soll aber bei der Kontrolle durch Rufmord vermieden werden. Das wichtigste Ziel ist Zensur und Unterdrückung.
4. Das Opfer ist oft eine wenn auch nur in bestimmten Kreisen bekannte Persönlichkeit. Es kann sich zum Beispiel um einen Lehrer, einen Autor, einen Geschäftsmann, einen kleinen Beamten oder einfach um einen öffentlich aufgetretenen Bürger handeln. Je mehr einer ins Rampenlicht gerät, um so größer wird für ihn die Gefahr, Opfer von Diffamierung als Kontrollmaßnahme zu werden.
5. Oft wird - mit Erfolg - der Versuch unternommen, andere in die Diffamierungsmaßnahmen einzuspannen. Wenn es sich um einen Beamten handelt, wird man unter seinen Kollegen um Mitläufer werben; ist das Opfer ein Student, verwickelt man Mitstudenten in die Kampagne gegen ihn usw..
6. Um Diffamierung wirksam durchsetzen zu können, muß man dem Opfer zunächst seine Menschlichkeit nehmen, so daß sein Name nurmehr mit der geächteten Einstellung, Meinung oder Überzeugung gleichgesetzt wird, und diese muß so überspitzt formuliert werden, daß sie extremistisch wirkt. Wird zum Beispiel ein Opfer als »Subversiver« geächtet, wird sein Name mit schlimmsten Beispielen von Subversion wie Spionage oder Verrat in Verbindung gebracht. Ein Opfer, das als »pervers« gilt, wird mit schlimmsten Vorstellungen von Perversion - Sexualvergehen an Kindern eingeschlossen - assoziiert, ein als »Rassist« oder »Antisemit« verdammtes Opfer mit den schlimmsten Ausschreitungen von Rassisten oder Antisemiten wie Pogromen oder Gaskammern usw..
7. Weiter ist es für den Erfolg der Rufmordkampagne wichtig, daß das Opfer von vielen Seiten unter Druck gesetzt und gedemütigt wird, zum Beispiel auch von Familienangehörigen, die anfangen, sich von ihm zurückzuziehen. Kinder, die das Opfer in der Schule hat, können gehänselt und lächerlich gemacht werden.
8. Jeder, der für das Opfer Partei ergreift, setzt sich der Gefahr aus, als sein Partner zu gelten und genauso diffamiert zu werden, und zwar selbst wenn es sich dabei um eine Persönlichkeit mit einem durchaus untadeligen Ruf handelt. Auf diese Weise sieht sich das Opfer isoliert und von allen verlassen.
9. Jede Erklärung, die das Opfer anbringen möchte, etwa zur Aufklärung eines Mißverständnisses, wird als bedeutungslos abgetan. Weist das Opfer gar auf den Wahrheitsgehalt seiner Äußerung hin, wird dies lediglich als Zeichen der Uneinsichtigkeit und Böswilligkeit interpretiert und verschlimmert seine Lage nur noch. Der Grund zur Diffamierung liegt gar nicht darin, daß das Opfer mit seiner Meinung Unrecht hat oder daß es etwas objektiv Falsches gesagt hat; er liegt vielmehr im Mangel an »Takt« und im Überschreiten eines Tabus.
10. Viele Opfer brechen früh zusammen und durchlaufen eine »Geständnisphase« mit all den dazugehörigen Entschuldigungen und Reuebezeugungen. Eventuell zeigen sie sogar noch Freunde an, die die verbotene Einstellung, Meinung oder Überzeugung teilen, oder sie behaupten, daß sie »hinters Licht« geführt wurden, wie das mit so vielen der »Subversion« Beschuldigten in den McCarthy-Jahren (»Nazi«- und Kommunistenhatz in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg) der Fall war. Wird dem Opfer Haltlosigkeit vorgeworfen, kann es nervliche Überbelastung oder Geistesschwäche als Erklärung angeben.
11. Ein Grund für die Bösartigkeit der methodischen Diffamierung ist sicher die Absicht, Rache zu nehmen; meist aber geht es darum, ein Exempel zu statuieren, um anderen vor Augen zu führen, mit welch verheerenden Folgen sie rechnen müssen, wenn sie gewisse Grenzen überschreiten. Methodische Diffamierung ist ein wichtiges Mittel der »gesellschaftlichen Kontrolle«.
12. Methodische Diffamierung ist in ihrer Form fast überall gleich. Sie läuft nach demselben Schema ab, gleich um welche speziellen Wertvorstellungen, Meinungen oder Überzeugungen es sich handelt oder welche Gruppe oder Interessengemeinschaft sie betreibt. Die Diffamierung kann für oder gegen eine politische, ethnische oder religiöse Minorität gerichtet sein; sie kann durch eine politische, ethnische oder religiöse Minorität ausgeübt werden.
13. Methodische Diffamierung nimmt oft paradoxe Formen an. So gibt es Organisationen, die Diffamierung betreiben, obwohl sie ihrem Namen nach diese gerade zu bekämpfen vorgeben Psychologisch mag es sich um die Projektion der eigenen Absichten auf den Anderen handeln; jedoch wird öffentlich der Anschein gegeben, für ein höheres und gemeinnütziges Anliegen einzutreten. Daß dem nicht so ist und es sich um methodische Diffamierung in einem gruppenspezifischen Interesse handelt, geht aus dem Schriftum solcher Gruppen klar hervor.
14. Die Wirksamkeit der methodischen Diffamierung ergibt sich aus dem Maß der damit erreichten Einschüchterung. Unter Umständen gehören auch Elemente primitiven Aberglaubens wie die Verhängung eines »Fluches« oder eines »Zaubers« dazu. Auch die unbewußte Furcht der meisten, von ihrem »Stamm« verstoßen und aus ihren gesellschaftlichen und menschlichen Verbindungen herausgerissen zu werden, wird bei der organisierten Diffamierung ausgenutzt. Nur wirklich tapfere und innerlich unabhängige Menschen können dem Vollangriff einer methodischen Diffamierung standhalten; einige unter ihnen mögen ihn sogar relativ unversehrt überleben.
15. Die schwachen Punkte der methodischen Diffamierung liegen in ihrer Tendenz zum Übermaß und in ihrer ziemlich offensichtlichen Böswilligkeit. Manchmal kann eine Rufmordkampagne aus einem Mangel an Planung schiefgehen oder deshalb, weil man die Widerstandsfähigkeit des Opfers unterschätzt hat. Methodische Diffamierer neigen übrigens recht oft dazu, die eigenen Absichten dem Opfer zu unterstellen und sich selbst als Opfer von Verfolgung einzuschätzen. Das sieht aus wie eine aggressive Taktik; es handelt sich jedoch um einen psychologischen Abwehrmechanismus. Eric Hoffer hat es einmal so formuliert: »Man kann herausfinden, was der Feind am meisten fürchtet, indem man sich ansieht, welche Mittel er benutzt, um einen zu bedrohen.« (»The True Believer«, 1951).
16. Paradoxerweise tragen methodische Diffamierer zur Entwicklung gerade der Wertmaßstäbe, Meinungen und Überzeugungen bei, die sie verdammen indem sie sie prophetisch heraufbeschwören.
Haß und Verfolgungswahn werden dadurch verbreitet, Gegensätze und Feindschaften aufgebaut. Nichts trägt mehr zur Verhärtung der Fronten bei, als die methodische Diffamierung.
Durch den Vorwurf, eine bestimmte Meinung unterstützt zu haben, kann jemand gerade in diese Ecke gedrängt werden.
In politischer Hinsicht ruft solche Ächtung geradezu Rebellen und Dissidenten auf den Plan.
Methodische Diffamierung ist von Diktaturen und anderen totalitären Regierungen regelmäßig eingesetzt worden.
Unter demokratischen Regierungen ist methodische Diffamierung ein bevorzugtes Werkzeug von Gruppen geworden, die bestimmte Interessen verfolgen; sie versuchen damit, ihre Kritiker und Gegner kaltzustellen.
Es ist wichtig, methodische Diffamierung an ihren typischen Merkmalen zu erkennen, sie beim Namen zu nennen und vor ihren Auswirkungen zu warnen, wo immer sich Gelegenheit dazu bietet.
Methodische Diffamierung wird ausschließlich mit sprachlichen und symbolischen Mitteln durchgeführt. Sie ist ein heuchlerischer Anschlag auf die Würde des Menschen.
Quelle:
DEUTSCHLAND - Schrift für neue Ordnung, Folge 11/12 - 1995, Seite
25 ff..
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