Der 11. September und die veröffentlichte Reaktion in der BRD

»Doch es war stets Amerika, das unbeirrt daran festhielt,
daß man die Welt besser machen kann.«
DER TAGESSPIEGEL vom 13. September 2001, S. 9.

Die in unzähligen Hollywoodstreifen ob ihrer finanziellen Einträglichkeit immer wieder dramatisierte imaginäre Katastrophe - ein Inferno auf amerikanischem Boden - ist am 11. September Wirklichkeit geworden. Viel ist inzwischen über die Attentate publiziert worden. Nur ein Aspekt wurde bislang kaum thematisiert. Der indirekte Effekt, den sie auf die BRD haben: Sie zeigen in aller Deutlichkeit die Abhängigkeit und Selbstverleugnung der bundesdeutschen Politik und Presse.

Geradezu widerlich stößt die bundesdeutsche Anbiederung an den Großen Bruder auf. Amerikanischer als die Amerikaner zu sein, scheint als Ersatz für fehlendes nationales Selbstbewußtsein herhalten zu müssen. Die BILD vom 13. September erschien in ihrem Konterfei mit dem Logo der US-Flagge, die BERLINER MORGENPOST präsentierte tags drauf auf der Titelseite einen »Coupon« zum Ausschneiden: America, we stand by you. Selbst in regionalen Zeitungen, wie zum Beispiel im BAYERWALD-ECHO vom 12. September, hatten die Attentate sämtliche Lokalmeldungen verdrängt.

Gegen Mittag des 11. September meinte US-Präsident George W. Bush in Louisiana, daß »die Freiheit selbst heute Morgen von einem gesichtslosen Feigling angegriffen« worden sei. Mag man dem Präsidenten auch Zorn zugestehen und zubilligen, im Affekt dahergeredet zu haben, so bleibt diese selbstüberhebliche Behauptung doch Unsinn. Denn feige waren die Kamikaze-Attentäter mit Sicherheit nicht. Vielmehr sollten sich die Amerikaner - wie so oft in der Geschichte - fragen lassen, inwieweit es tapfer ist, aus sicherer Entfernung vom Himmel aus »Vergeltungsschläge« durchzuführen, ohne dabei - im Gegensatz zu den Attentätern - das Kalkül des eigenen Todes in Kauf nehmen zu wollen. Oder gelten ferngesteuerte Raketen und Streubomben auf Dörfer seit neuestem als Aushängeschild einer tapferen Truppe, als Zeichen für ein wagemutiges Verhalten? Bombenabwürfe auf zivile Einrichtungen sind keine legitime Verteidigung der USA, sondern bewußt in Kauf genommene Massenzerstörung und wohlwollend kalkulierter Massenmord. Eben der American way of war, wie wir ihn seit Irak, Vietnam, Korea, Hiroshima, Nagasaki, Dresden oder Hamburg kennen.

Was sich die bundesdeutsche Gilde der »Volksaufklärung« und »Volksvertretung« in Bezug auf die Behandlung mit den Umständen und Folgen der Attentate leistet, ist bemerkenswert. Inwieweit wird im einstigen Land der Dichter und Denker eigentlich noch klar gedacht? Nicht zuletzt belegt die von der bundesdeutschen Politik- und Medienwelt uneingeschränkte Akzeptanz der amerikanischen »Vergeltung«, die zu Beginn ausgerechnet »Grenzenlose Gerechtigkeit« genannt wurde, daß es an Souveränität, einer objektiven Distanz im Staate der BRD gänzlich mangelt.

Die Reaktionen

George W. Bush behauptete am Abend des 12. September in einer Fernsehansprache: »Amerika wurde zum Angriffsziel, weil wir in der Welt die strahlendste Fackel der Freiheit und der Selbstverwirklichung sind.« Darüber darf man geteilter Meinung sein. Natürlich nicht im Reichstag. Gerhard Schröder sekundierte stante pede: »Ich habe immer wieder deutlich gemacht, und dabei bleibe ich und das unterstreiche ich noch einmal, daß die terroristischen Schläge, die so unsäglich viel Leben gekostet haben, nicht nur Anschläge gegen die Menschen in den Vereinigten Staaten, gegen unsere Freunde in Amerika selbst sind, sondern auch Anschläge gegen die gesamte zivilisierte Welt. Also auch Anschläge gegen unsere eigene Freiheit, gegen unsere eigenen Werte, die wir mit dem amerikanischen Volk teilen.« Wirklich? Der Fraktionschef der CDU, Friedrich Merz, stimmte den Aussagen jedenfalls zu und meinte, die Anschläge in den USA seien ein »Angriff auf die Zivilisation, die Freiheit und die Offenheit unserer Gesellschaften, ein Angriff auf die Grundwerte des Zusammenlebens. Das Böse schlechthin, Menschenverachtung und Barbarei, haben uns gestern angegriffen.«

Deutschlandweit wurden die unterschiedlichsten kulturellen Veranstaltungen abgesagt bzw. verschoben. In Berlin beispielsweise die Publikumseröffnung des Jüdischen Museums, die Auftaktveranstaltung des Wissenschaftssommers mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Vertragsunterzeichnung mit dem künftigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker Simon Rattle, das Musical »Der Glöckner von Notre Dame« am Potsdamer Platz, eine Diskussion der »fünf Spitzenkandidaten« im Berliner Landtagswahlkampf im Fernsehsender Phoenix, die Veranstaltung des Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in der Berliner Staatsbibliothek, die Uefa-Cup Spiele des 1. FC Union Berlin und Hertha BSC Berlin, der feierliche Baubeginn zum Prinzessinnengarten, der Eulenspiegel-Tag im Kunstspeicher Friedersdorf, das Hessenfest 2001, die Wahlkampfaktion »Berlin geht baden« des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das Straßenfest in der Sonnenallee und viele andere Ereignisse mehr. Auch der Musikfernsehsender VIVA, der ansonsten nicht gerade durch guten Geschmack verwöhnt, sah sich veranlaßt, aus »Respekt vor den aktuellen Geschehnissen» das »Programm vorübergehend« auszusetzen. Der neueste Kinofilm Arnold Schwarzeneggers mit dem passenden Namen Collateral Damage (Kollateralschaden) wurde verschoben. Die FAZ, traditionell ohne Bild auf der Titelseite, erschien »am Tag danach« mit zwei großformatigen Photos auf Seite 1. Der Springer Verlag, ohnehin nicht in dem Ruf stehend, ein ausgesprochener Kritiker amerikanischer und israelischer Politik zu sein, erließ eine (weitere) Verlagsdoktrin: die Treue zu den USA.

Am 12. September verkündete Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung, daß die »Terrorakte« eine »Kriegserklärung an die freie Welt«, ja »an die zivilisierte Völkergemeinschaft«, und deshalb die Anschläge »gegen uns alle gerichtet« seien. Der Kanzler sagte den USA die »uneingeschränkte Solidarität« der BRD zu. Gleichsam einen Blankoscheck unterschreibend, erklärte er, daß die Vereinigten Staaten von »Deutschland jede gewünschte Hilfe« erhielten. Der SPD-Fraktionschef, Peter Struck, rief während seiner Erklärung vor dem Trauer tragenden Bundestag aus: »Heute sind wir alle Amerikaner.« Ein Ausruf, den die Boulevardpresse sich gern zu eigen machte. »Jetzt sind wir alle Amerikaner, weil …«, kokettierte BILD tags drauf und ließ zur Untermauerung dieser abstrusen These mehr oder weniger bedeutende Prominente und einfache Bundesbürger zu Wort kommen. Der Popsänger Thomas Anders beispielsweise meinte, deshalb heute Amerikaner zu sein, weil »ich die Weltstadt New York als Symbol der Freiheit, der Völkerverständigung und der Demokratie empfinde.« und Moderator Dieter Thomas Heck gestand, weil »ich ein unglaubliches Freiheitsgefühl mit meinem Lieblingslied 'New York, New York' verbinde.« Der Angestellte Helmut Braun meinte, weil »ich als kleiner Junge von den Amis meine erste eigene Tafel Schokolade bekommen habe.« Diesem gewichtigen Argument kann Kaufmann Manfred Ulmann nur zustimmen und erklärt, heute Amerikaner zu sein, weil »mich die GIs damals als Kind mit Süßigkeiten verwöhnt haben.« Wer glaubt, eine derartige Niveaulosigkeit sei nicht mehr zu unterbieten, dem sei gesagt, daß dies in der BRD doch geht. BILD führte gleich 100 Gründe auf, Amerika zu lieben; darunter »weil ihr uns Mickymaus, den Playboy und McDonald´s gegeben habt«, »weil Bill Clinton Sex in Oval Office hatte«, »weil ihr für die Frauen die Pille entwickelt habt«, »weil ihr bei der Nationalhymne die rechte Hand auf euer Herz legt« und »weil die Eiswürfelmaschine cool ist«.

Für die BILD war postwendend klar, wie nicht nur die deutsche Reaktion, sondern gleich die gesamte deutsche Politik abgestimmt zu sein habe. Im Kommentar dieses Tages albert sie: »Was auch geschieht, wir stehen unverbrüchlich an der Seite Amerikas. Das gilt für alle Freunde der Vereinigten Staaten, aber ganz besonders für Deutschland, dessen wirtschaftlicher Aufstieg nach dem Krieg, dessen Neuaufnahme in den Kreis demokratischer Länder und schließlich dessen Wiedervereinigung ohne amerikanische Hilfe nicht möglich gewesen wären.« Tatsächlich? In einer ganzseitigen Anzeige in der NEW YORK TIMES vom 25. September, die mit der Behauptung übertitelt war America, Hamburg stands by you und die u.a. unterzeichnet war von der Hamburger Handelskammer, der Evangelischen und Katholischen Kirche, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, des Deutschen Journalisten-Verbandes, des HAMBURGER ABENDBLATTS und der Jugendinitiative für Toleranz und Verantwortung, heißt es übersetzt: »Wir vergessen niemals Deine Hilfe und Unterstützung unsere Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg aufzubauen. Wir wollen uns hierfür revanchieren.« Lieb gemeint, aber handelt es sich nicht doch eher um einen Fall naiver Geschichtsunkenntnis oder schlicht um sklavisches Selbstverständnis? Denn historisch gesehen gibt es viele Anhaltspunkte, die darauf deuten, daß Deutschland sich ohne amerikanische Einmischung in deutsche Lebensinteressen effektiver konsolidiert und die Teilung vermieden hätte werden können. Die Beschlagnahme von Staatsvermögen, der Diebstahl von Markenzeichen und Patenten, der Raub von unersetzbaren Kunstschätzen, die groß angelegte Entführung deutscher Techniker, Wissenschaftler und Ingenieure vor allem aus dem Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik, die Überlassung der größten Gebiete Mitteldeutschlands an die Sowjetunion usw. sprechen eine deutliche Sprache. Nicht zu vergessen der ungesühnte Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung - gerade auch in Hamburg.

Wer steckt hinter den Attentaten?

Obgleich Bush schon Mitte September verkündet hatte, »dieser Tage« die Beweise vorzulegen, daß der arabische Multimillionär Osama bin Laden, der sich bekanntlich im Freiheitskampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan bewährt hatte, für die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich sei, sind diese bis heute ausgeblieben. Vielmehr reißen die Spekulationen nicht ab. Die arabische Welt, allen voran die OPEC, hatte erklärt, daß die, unter Berücksichtigung der genialen Vorbereitung, konsequenten Ausführung und brillanten Planung (unter Ausschaltung sämtlicher Sicherheitssysteme und Hintergehung sämtlicher Geheimdienste) sowie mit kaum zuvor gekannter Präzision verübte Aktion nicht von einem einzelnen Kopf oder einer einzelnen Organisation, sondern einzig und allein vom israelischen Geheimdienst geplant und durchgeführt werden könne. Oder sollten die Amerikaner gar so verwegen gewesen sein, und stecken selbst hinter diesen Anschlägen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Amerikanern zu stärken und einen plausiblen Grund für einen neuen Krieg zu haben, der ihre marode Wirtschaft wieder mit neuer Hoffnung versieht? Dies klingt verwerflich, geradezu morbid - und doch ist in der Geschichte ein ähnliches Tun nicht unbekannt: Denken wir beispielsweise an die Lusitania-Affäre 1915, die als Vorwand der Amerikaner für ihre offizielle Einmischung in den Ersten Weltkrieg herhalten mußte. Oder der japanische Angriff auf Pearl Harbour 1941, der, entgegen der Hollywood-Geschichtslehre, von Amerika bewußt provoziert worden war, um eine Rechtfertigung zu finden endlich offiziell gegen Deutschland in den Zweiten Weltkrieg eintreten zu können.

Wer ist der Nutznießer der verheerenden Attentate vom 11. September? Von Rudolf Scharping freilich einmal abgesehen, dessen Kopf als Verteidigungsminister wegen der Umstände seiner Sex- Eskapaden an diesem Tag aller Wahrscheinlichkeit gerollt wäre - kein Mensch spricht mehr davon. Es ist gewiß nicht die arabische Wirtschaft oder die mohammedanische Geisteswelt, die Nutzen aus den Geschehnissen in Amerika zieht. Den wesentlichen Nutzen ziehen doch wohl die USA selbst und diejenigen Nicht-Amerikaner, die sich der Durchsetzung amerikanischen Interessen verschrieben haben. Die Welt ist seit dem 11. September nicht weniger polarisierter als zur Zeit des sogenannten Kalten Krieges. Ganz deutlich ist die Grenzlinie gezogen worden zwischen »Gut« und »Böse«. Die Guten, also selbstredend die »westliche Wertegemeinschaft« unter der alles dominierenden Führung der USA, verfechten unter dem Vorwand, gegen die Bösen, also »den Terrorismus« zu kämpfen, ihre Vision von der Einen Welt.

Darüber hinaus werden immer mehr Grundrechte bzw. Kennzeichen eines freiheitlichen Staates eliminiert. Die perfekte Überwachung der Bürger ist angesagt. So sieht zum Beispiel das Maßnahmenpaket des Bundesfinanzministers Hans Eichel unter anderem vor, die Konten in der BRD, immerhin 400 Millionen an der Zahl, mit Namen und Datum der Kontoeröffnung in einer zentralen Datei beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen zu registrieren und zu speichern. Diese Behörde arbeitet außer mit Finanzmarktexperten und Wirtschaftsprüfern, auch mit Zöllnern, Staatsanwälten und Geheimdienstagenten zusammen. Der gläserne Bankkunde ist damit Realität. Was als Rechtfertigung der Ermittlung von Geldwäsche dient, entpuppt sich damit als einer der letzten Bausteine zur Errichtung der von George Orwell beschriebenen Neuen Welt.

Zurück zur Frage nach den Urhebern. Der BERLINER KURIER versucht eine Antwort auf die Frage zu geben, warum »die Terroristen ausgerechnet diese Ziele ausgesucht« hätten und kommt zu einer ungewöhnlichen Erklärung: »Das 'World Trade Center' (WTC) ist ein Symbol für das verhaßte System des Kapitalismus. Linke Ideologen nennen es 'Imperialismus'. Sie glauben, daß die USA mit ihrer Finanzmacht die ganze Welt ausbeutet. Diese kapitalistisch-imperialistische Macht USA hat einen natürlichen Partner. Das sind die Juden. Sie führen seit 2000 Jahren die Finanzgeschäfte der Welt, unterdrücken als Staat Israel die Palästinenser. Doch genau für diese Allianz, dieses System steht das WTC.« Diese Erklärung erfuhr durchaus Unterstützung: »Wer immer am 11. September die Schläge gegen die USA geführt hat - diese Aktion geht von Menschen aus, die sich auf der Seite des Lichts sehen; engagiert im Kampf gegen die Finsternis, gegen die kosmopolitisch-dekadente Welt der USA.« , so jedenfalls versucht ein Professor für Politikwissenschaften in der Wiener Tageszeitung DIE PRESSE das Motiv der Terroristen zu umreißen. Dann stimmt es wohl auch, wie es, laut DER TAGESSPIEGEL, im irakischen Fernsehen geheißen hatte: »Die Explosionen sind die Quittung für die amerikanischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«

Eine weitere Theorie: Über das am Pentagon zerschellte Flugzeug berichtet der Wiener KURIER: Flugdaten zeigten, daß jene Maschine »zuerst Kurs auf das Weiße Haus genommen hatte«. Sich auf die NEW YORK TIMES berufend, heißt es weiter, daß ein Spion »in Bushs Mannschaft oder in einem der Geheimdienste« vermutet wird. Eine wesentliche Information, die man in der Presse der BRD vermißt.

Für die USA - und damit auch für die BRD - ist es klar, daß Osama bin Laden und seine Anhängerschaft hinter den Attentaten stecken. Doch wo sind hierfür die Beweise? Die skurrilen Fahndungserfolgsmeldungen, beispielsweise, das FBI habe in einem Kofferraum ein in arabischer Sprache geschriebenes Handbuch für Piloten gefunden oder das angebliche Testament Mohammed Attas, das dieser praktischerweise nicht in seiner Muttersprache, sondern medienwirksam (?) auf englisch abgefaßt haben soll, sind nicht gerade die glaubwürdigsten Beweise für die Urheberschaft bin Ladens.

Die einseitigen Anschuldigungen und Verdächtigungen stoßen in der BRD kaum auf Widerstand. Ein einsamer Rufer ist der Geheimdienstexperte der SPD, Wilfried Penner, der die erhobenen Schuldzuweisungen für falsch hält. Er bezweifelt, daß Osama bin Laden, »das Lieblingsfeindbild der US-Geheimdienste«, etwas mit den Anschlägen zu tun habe, da es »mehr als fraglich« sei, ob eine Person »eine solch komplizierte Aktion planen« könne. In der Tat: Kann man sich auch nur im entferntesten den enormen organisatorischen und logistischen Aufwand vorstellen, den es bedarf, zeitgleich (!) vier Flugzeuge zu entführen, sämtliche Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden und die Maschinen unter Umgehung des Radars - das alleine ist ohne intime technische Kenntnisse nicht durchführbar - auf psychologisch-strategische Ziele umzuleiten und dort zielgenau, unter Einkalkulierung der eigenen Todes, zum Absturz zu bringen? Die Antwort des ehemaligen Chefs des israelischen Geheimdienstes Mossad, Schabtai Schawit, auf die Frage, ob denn für die Vorbereitung derartiger Aktionen nicht viele Menschen beteiligt gewesen sein müßten, ist derart abwegig, daß sie schon wieder suspekt ist: »Ich glaube, daß man das auch mit wenigen Menschen erledigen kann.«

Fest steht nur eines: Gerichtsfest sind die »Beweise« gegen bin Laden bislang jedenfalls nicht. Aus der Karlsruher Bundesanwaltschaft hieß es Anfang Oktober, die Ermittlungen in Deutschland hätten bislang »keine Beweise für eine direkte Verbindung der mutmaßlichen Attentäter zu Bin Laden ergeben«. Nur wo liegt da die Rechtfertigung, Afghanistan zu bombardieren?

Die in Wien erscheinende Tageszeitung KURIER hat den Krieg gegen Afghanistan bereits kritisiert, noch bevor die ersten Bomben auf dieses Land der Dritten Welt niedergingen: »Afghanistan ist nach 22 Jahren Krieg fast vollkommen zerstört. Relevante militärische Ziele gibt es nicht, die Taliban ausrotten kann man nicht. Jene Ziele, die sich 'rentierten', sind ohne Bodenpersonal selbst mit der besten Luftaufklärung nicht zu erwischen. Denn Ausbildungskamps für Terroristen in einem gebirgigen Riesenreich sind üblicherweise klein und können jederzeit verlegt werden.[…] Ein etwaiger Schlag würde aber die Zahl der Kamikaze-Bereitwilligen und der Trittbrettfahrer erhöhen, denn die Wut in der islamischen Welt würde verstärkt.« Nüchterne Worte, die man in der bundesdeutschen Presse vergeblich sucht. Im von Hurra-Solidarität gekennzeichneten Verhalten bundesdeutscher Politiker sowieso. Auch für die Grünen, die sich groteskerweise immer noch als Alternative verstehen, gibt es am Verhalten der USA keinen Grund zur Kritik. Für den Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele gibt es keinen Anlaß, »die Handlungen der amerikanischen Regierung zu kritisieren«. Ein Armutszeugnis. Eine große Tageszeitung der Schweiz beispielsweise sah sehr wohl Grund, die USA zu kritisieren. Diese hatte angesichts des bevorstehenden Winters und dessen Folgen auf die Versorgungslage für das afghanische Volk, den Mut zu dem folgerichtigen Kommentar: »Wenn die USA tatsächlich 'Freunde der Afghanen' sind, wie sie immer wieder betonen, müssen sie jetzt einen Bombenstopp einlegen. Nur so kann die Bevölkerung vor der monatelangen Kälte noch mit dem Nötigsten versorgt werden. Diese 'humanitäre Geste' wäre auch im ureigensten Interesse der USA In der muslimischen Welt wächst der Haß auf die Amerikaner täglich.« Und nicht nur dort.

Machen wir uns doch nichts vor. Auf dem Boden der BRD sind augenblicklich 60.000 amerikanische Soldaten stationiert. Ganz zu schweigen von einer Vielzahl militärischer Einrichtungen, Spionage- und Überwachungsanlagen sowie Kommandozentralen, die von global-strategischer Bedeutung sind. Ferner nicht zu vergessen die atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffe und Massenvernichtungswaffen, deren Anzahl nicht abschätzbar ist. Nirgendwo auf der Welt haben die USA, außer im eigenen Land, eine stärkere Truppen- und Waffenpräsenz als in der BRD. Allein schon dieses Potential birgt die Gefahr in sich, ein Ziel von Anschlägen oder Attentaten zu werden. Die veröffentlichte Reaktion auf den 11. September vermindert dieses Risiko nicht gerade.

 

Dieser Artikel ist mit Fußnoten nachzulesen in Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Heft 4/2001.

 

© Dr. Claus Nordbruch 11/2001