Shut up!
Fremdwörter und Amerikanismen in der deutschen Sprache
»Is' echt cool für Kids!«, so oder ähnlich alberte es mir
unlängst in Deutschland aus dem Fernseher entgegen. Ich erwähne dies nur, weil man
als Auslandsdeutscher vielleicht ein sensibleres Ohr für seine Muttersprache entwickelt
als in seinem Stammland. Würden wir, die teilweise seit vielen Generationen im Ausland
lebenden Deutschen, nicht auf den sauberen Umgang mit unserer Sprache achten, hätten
wir sie längst verlernt. Vielleicht stieß mir deshalb überhaupt der oben
genannte Pidginsatz auf. Anfänglich noch belustigt, blinkten jedoch angesichts des
Ausmaßes solcher sprachlichen »Späße« in Deutschland und
Österreich schon bald die roten Alarmleuchten.
Wie andere Völker auch, sind gerade wir, die im zentralen Teil Europas verwurzelte
deutsche Nation, im Laufe der Geschichte durch Handel, Kriege, Völkerwanderungen und
ethnische Vermischungen mit verschiedenen Völkern und deren Sprachen in Berührung
gekommen. Die dadurch entstandene gegenseitige Beeinflussung auf den Gebieten des
politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens hat notgedrungen
auch in unserer Sprache ihren Niederschlag gefunden. Es war unausweichlich, daß
fremdsprachliche Wörter und Ausdrücke ins Deutsche übernommen wurden. Wie wir
im folgenden sehen werden, bedeutete diese Übernahme in vielen Fällen eine
Bereicherung unserer Sprache. Der heutzutage teils manipulierte teils leichtsinnig
angewandte Gebrauch von Anglizismen und Modewörtern bewirkt allerdings das Gegenteil.
Wir wollen uns aus diesem Grunde an dieser Stelle mit dem Einfluß von Erb-, Lehn- und
Fremdwörtern in der deutschen Sprache beschäftigen und insbesondere die
Auswirkungen dieser Wörter im Deutschen umreißen.
Hierzu bedarf es zunächst einmal eindeutiger Definitionen, um nicht aneinander vorbei zu reden. Als Erbwörter bezeichnen wir diejenigen Wörter, die in ihrer Grundform bereits im Indogermanischen vorhanden waren. Sie bilden die älteste Schicht unserer Sprache. Es handelt sich hierbei vor allem um solche, die die Körperteile, Verwandtschaftsgrade, Haus- und Wildtiere, Naturbegriffe, die Viehzucht sowie einfache Lebensäußerungen, Tätigkeiten und Eigenschaften bezeichnen. Als Beispiele wären hier zu nennen: Hand, Bruder, Stier, Aar, Eiche, Donner, Balken, Huf, hassen oder sterben. Die Gesamtheit der Erbwörter wird nach der Fachliteratur auf rund 11-12.000 Wörter beziffert.
Durch seine geographische Lage bedingt war und ist Deutschland fremden sprachlichen
Einflüssen ausgesetzt, so daß man durchaus von einem philologischen Geben und
Nehmen, einem Sprach- und Kulturaustausch sprechen kann. An dieser Stelle kommen die
Lehnwörter zum Tragen. Als solche bezeichnen wir Wörter, die ihrer Herkunft nach
fremd waren. Zu der Zeit, als sie nach Deutschland gekommen sind, war die einschmelzende
Kraft der deutschen Sprache noch so stark, daß sie ohne Rücksicht auf ihre Formen
den deutschen Lautgesetzen angeglichen wurden. Diese Wörter waren der zweiten
Lautverschiebung ausgesetzt und wurden durch diese Angleichung zu Lehnwörtern, die
deshalb nicht mehr als fremd empfunden werden. In groben Zügen fand der
diesbezügliche Geschichtsablauf folgendermaßen statt:
Von Germaniens westlichen und südlichen Nachbarn, den Kelten, übernahmen wir
hauptsächlich Flußnamen: Rhein, Sieg, Ruhr, Lahn, Main, Tauber, Donau u. v. m.
Der Einfluß der Römer, der im ersten Jahrhundert v. d. Ztr. begann, setzte
geographisch gesehen über drei Wege nach Germanien ein, nämlich vom Südosten
über Regensburg, vom Südwesten über Mainz und Trier und schließlich vom
Westen über Köln. Dieser römische Einfluß schlug sich vor allem im
Kriegs- und Bauwesen, im Handel, im Rechts- und Verwaltungswesen sowie in der Landwirtschaft
nieder. Als aus dieser Zeit stammende Lehnwörter zählen unter anderem Pfeil,
Kampf, Markt, Pflanze, Käse, Rettich, Straße, Mauer, Fenster, Zoll, Kaiser und
Zins. (Hingegen ist Tribut beispielsweise, das ebenfalls aus dieser Zeit stammt, ein
Fremdwort geblieben.) Die Wochentagsnamen sind meist mit sinnvollem Ersatz der
römischen Gottheiten durch entsprechende germanische ersetzt bzw. übersetzt
worden. Dienstag beispielsweise leitet sich vom germanischen Kriegsgott Tyr, Mittwoch vom
germanischen Göttervater Odin (Wotan), Donnerstag vom germanischen Wettergott Donar und
der Freitag von der germanischen Liebesgöttin Freyja ab. Selbst durch das Christentum,
d. h. nach der gewaltsam erfolgten Christianisierung und dem hiermit verbundenen Aufbau
einer das gesamte Leben umfassenden Kirchenorganisation, gelangten ab dem 7. Jahrhundert n.
d. Ztr. neue lateinische und griechische Wörter ins Deutsche. Als Beispiele mögen
hier die Wörter Kloster, Kreuz oder kasteien bzw. Engel, Teufel, Almosen und Pfaffe
gelten. Im 12. Jahrhundert ist die deutsche Sprache erstmals stark vom Französischen
beeinflußt worden. Durch das französische Rittertum entlehnten sich Wörter
wie Abenteuer, fein, Palast oder Tanz. Außerdem übernahmen wir die Endung -ieren,
was sich in Wörtern wie marschieren oder hofieren niedergeschlagen hat.
Selbst aus dem Slawischen haben wir Wörter übernommen und angeglichen. Unsere
vertraute Gurke entlehnt sich ursprünglich aus dem Wendischen (Koka), die Droschke aus
dem Polnischen (drozka), die Peitsche aus dem Tschechischen (bitsch), ebenso wie der Halunke
vom holomek her rührt. Und wer ist sich schon darüber bewußt, daß
unser Schornstein aus dem Russischen (tschornyi stjäna) stammt?! Seit dem 15./16.
Jahrhundert haben wir es anstatt mit Lehnwärtern verstärkt mit Fremdwörtern
zu tun. Fremdwörter sind an ihrer Schreibweise, Aussprache und Betonung leicht als
Fremdling zu erkennen. Es handelt sich hierbei um Wörter, die sich nicht an das
Flexionssystem der Sprache, also Deklination und Konjugation, in die sie übernommen
wurden angepaßt haben. In der Zeit des Humanismus und der Reformation
beschäftigten sich die Gelehrten wieder eingehend mit dem Studium der Antike. Bald
verachteten sie das Deutsche hochmütig als »Sprache der Ungebildeten« und
gaben Latein als »Sprache der Gebildeten« den Vorzug. Sie gaben sich dieser
Einbildung mit derart großer Leidenschaft hin, daß sie nur mehr lateinisch
schrieben und sprachen. Latein wurde auf diese Weise die ausschließliche Sprache an
den höheren Schulen und Universitäten. Vor allem wissenschaftliche Begriffe
entstammen dieser Zeit: Zensur, Professor, Notar, Testament oder Medizin ebenso wie die
lateinischen Namen für Tiere, Pflanzen und Krankheiten. Für lange Zeit konnte das
Deutsche mit dem Lateinischen nicht konkurrieren. 1518 waren beispielsweise nur 10% der
deutschen Buchproduktion in deutscher Sprache abgefaßt und 1570 waren es erst 30%. Und
selbst noch vor 250 Jahren waren in Deutschland weit über ein Viertel aller
erschienenen Bücher in lateinischer Sprache. Erst 1687 drang die deutsche Sprache in
die Universitäten vor. Vorreiter war die Universität Leipzig, an der sich deutsch
zuerst durchsetzte. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schwappte eine neue Welle von
Fremdwörtern ins Deutsche, die in ihrer Unverständlichkeit beispielsweise in einem
Brief Wallensteins dargelegt werden kann: »Das combat hat von frühe angefangen
und den ganzen Tag caldissimamente gewährt (...) und niemand hat einen fallo in valor
gezeigt. Der König hat sein Volk über die massen discouragiert, daß er sie
havardosamente angeführt (...) wie der König repressiert wurde, ist mehr denn je
assekuriert worden.« Bedingt durch die politische und kulturelle Vorherrschaft
Frankreichs im 17. Jahrhundert, wurde das Französische nicht nur Diplomaten-, sondern
auch Verhandlungssprache gelehrter Körperschaften und Sprache des gesellschaftlichen
Umgangs. Kinder im Großbürgertum wurden angehalten, sich nicht in ihrer
Muttersprache, sondern auf französisch zu unterhalten. Bei so wenig Sprachdisziplin
bzw. so viel Konformismus wundert es nicht, daß viele Wörter aus dem
Französischen ins Deutsche übernommen wurden, gerade was Ausdrücke aus dem
Militärbereich und dem Gesellschaftsleben betrifft. Als Beispiele seien
aufgeführt: Leutnant, General, Infanterie, Kavallerie, Kavalier, Billard, Kompliment
oder Promenade. Im darauf folgenden Jahrhundert kamen Wörter aus der Politik
(Revolution, Demokratie, Guillotine), dem kulinarischen Bereich (Boullion, Filet, Kompott)
und der Mode (Perücke, Puder, frisieren) hinzu. Auch die deutschen
Verwandtschaftsbezeichnungen wurden durch französische ersetzt. Aus dem Vater wurde der
Papa, aus dem Oheim der Onkel, aus dem Vetter der Cousin usw. Ferner schlug sich auch
Italiens handelspolitische Stellung im Mittelalter sowie führende Position auf dem
Gebiet der Musik in der deutschen Sprache nieder. In diesem Zusammenhang sei auf
Ausdrücke wie brutto, netto, skonto, Konto, Oper, Tenor oder bravo hingewiesen.
Selbst von außereuropäischen, also nicht-weißen Völkern, ist im
Deutschen einiges vertreten. Diese Wörter fanden vor allem zwischen 1450 und 1600, also
der Epoche der großen Entdeckungsreisen, Zugang in die deutsche Sprache. Aus dem
Arabischen stammen die Wörter Alkohol und Kaffee, dem Persischen Karawane und Turban,
dem Chinesischen Tee und aus verschiedenen indianischen Dialekten Kautschuk, Mais u. v.
m.
Im 17. und 18. Jahrhundert hatte verstärkt auch das Englische seinen Einfluß auf
die deutsche Sprache ausüben können. In dieser Zeit übernahmen wir
Lehnwörter wie zum Beispiel Adresse, Debatte, Parlament, Materialist und selbst
Blankvers und Volkslied stammen aus dem Angelsächsischen. Ab dem 19. Jahrhundert nimmt
die Fremdwörterwelle ungeahnte Dimensionen an. Von der Industriellen Revolution
(Ventilator, Zirkulation, Export, Expreß) bis zum Sport (Start, Favorit, Endspurt,
Finish) überflutet diese Invasion im 20. Jahrhundert alle Lebensbereiche. Nur wenige
Wörter, beispielsweise aus den Bereichen der Mode, der Politik, dem Industrie- und
Verkehrswesen und dem Gesellschaftsleben, mögen als Beleg hierfür angeführt
werden: Smoking, radikal, Tunnel, Komfort, Flirt, Manager, Playboy, Computer, Trend,
Sex.
Um den Rahmen unserer Ausführungen nicht zu sprengen, sei an dieser Stelle lediglich
erwähnt, daß nicht nur Fremdwörter, sondern auch fremde Endungen ins
Deutsche eingedrungen sind und an deutsche Grundwörter angehängt werden: Stellage,
Lieferant, Schlägerei, Lagerist. Von dem lateinischen Einfluß auf die deutsche
Grammatik - man denke an Numerus, Kasus, Sexus und den Gebrauch von Partizipial- und
Infinitivkonstruktionen - einmal gänzlich abgesehen. Und um der zwischenzeitlich wohl
eingetretenen Verwirrung das Krönchen aufzusetzen, sei zu guter Letzt noch
erwähnt, daß eine kleine Gruppe von Fremdwörtern nur ihrem
äußeren Anschein nach Fremdlinge, in Wirklichkeit aber gute Deutsche sind. Es
handelt sich hier um Wörter, die vor langer Zeit aus Deutschland
»ausgewandert« waren, in einer fremden Sprache heimisch wurden und in ihrer
fremden Gestalt wieder zu uns zurückgekehrt sind. Solche Rückwanderer sind u. a.
Balkon, Biwak, Bresche, Garde oder Spion.
Wir sehen also, daß sprachgeschichtlich gesehen unsere Muttersprache in den
vergangenen Jahrhunderten viele Bereicherungen aus anderen Nationen und Kulturen erfahren
hat - nicht zuletzt und gerade weil diese »Dosierungen« in einem für den
eigenen Bestand erträglichen Maß zugeführt worden sind, bzw. der deutschen
Sprache abträgliche Erscheinungsformen - wir denken beispielsweise an den Brief
Wallensteins oder die Tatsache, daß Latein Universitätssprache in Deutschland war
-, wieder abgeschafft wurden. Das Bemühen um die Reinerhaltung der deutschen Sprache
ist keineswegs ein Phänomen unserer Zeit oder gar mit einer speziellen politischen
Gesinnung verbunden. Bereits 1617 ist in Weimar eine Ordensgesellschaft für die Pflege
der deutschen Muttersprache ins Lebens gerufen worden. Im Laufe der Jahrzehnte und
Jahrhunderte hat diese viele Nachfolgeorganisationen erfahren. Hauptaufgabe dieser
Sprachgesellschaften war es, Fremdwörter durch deutsche Begriffe zu ersetzen.
Überaus eindrucksvoll bewerkstelligte dies im vergangenen Jahrhundert u. a. der
Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der allein im Postwesen 760
(siebenhundertundsechzig!) Fremdwörter ausmerzte (einschreiben für recommandieren,
Fernsprecher für Telephon, postlagernd für poste restante usw.).
Die Frage, die sich nun ergibt, ist die: Können und sollen wir auf alle
Fremdwörter verzichten? So pauschal gefragt kann die Antwort nur nein lauten. Wohl
können und sollen wir auf Fremdwörter verzichten, die deutsche Begriffe und
Ausdrücke verdrängen. Hierzu zählen beispielsweise Hobby (für
Steckenpferd), Fan (für Verehrer, Anhänger, Liebhaber), Information (für
Auskunft, Nachricht, Aufklärung), recycle (für wiederaufbereiten), mountain bike
(für Bergrad) und ungezählte Wörter mehr. Wie aber sollen wir Wörter wie
Maschine, Fabrik, Musik, Infarkt oder Tabak sinnvoll ins Deutsche übersetzen? Gar
nicht! Diese Fremdwörter - wer weiß schon, daß es sich bei diesen
tatsächlich um solche handelt?! - verletzen nicht unser Sprachgefühl, ebensowenig
wie die Begriffe Opium, Kraal oder Pyramide unsere Muttersprache entstellen. Auch
feststehende Begriffe in der Wissenschaft, also Wörter mit fest umschriebener
wissenschaftlicher Bedeutung, sind nicht durch deutsche Konstruktionen zu ersetzen. Und
selbstverständlich bleibt auch die Peep-Show eine Peep-Show. Nein, nicht verzichten
können und sollen wir auf solche Fremdwörter, für die es keinen vollwertigen
deutschen Ersatz gibt.
Das eigentliche Problem liegt woanders begraben: Es geht um die Vermeidung unnötiger
Fremdwörter. Die aus dem Jahre 1972 stammende Feststellung des bedeutenden Germanisten
Fritz Treuheit mutet angesichts der heute in den Medien praktizierten Disziplinlosigkeit und
Verantwortungslosigkeit fast niedlich an: »In jeder Tageszeitung verwenden heute die
Sportberichter oft rein englische Wörter (...) ohne zu bedenken, daß der einfache
deutsche Mensch (...) ihren Sätzen hilflos gegenübersteht.« Die Anglizierung
bzw. Amerikanisierung der deutschen Sprache hat inzwischen längst alle Lebensbereiche
erfaßt. Da werden in Zeitschriften unter der Überschrift Urlaub im Dienste der
Natur mit der Bemerkung »Workcamps als umweltfreundliche Art des Reisen«
beworben. Zugegeben, Arbeitslager würden sich kaum vermarkten lassen. In einem
Gespräch zum Tode von Linda McCartney stellt die Redakteurin einer Boulevardzeitschrift
die geistreiche Frage, ob Frau McCartney »nach zweieinhalb Jahren ups & downs
unerwartet« gestorben sei. Die Deutsche Telekom verschickt seit Beginn des Jahres ihre
Rechnungen in einem geradezu bemerkenswerten Pidgin-Deutsch: Sie berechnet neben dem
üblichen Telephonanschluß nicht mehr Orts- und Ferngespräche, sondern
CityCalls, GermanCalls und GlobalCalls.
Von der Werbung ganz zu schweigen: Das Bekleidungsgeschäft Peek & Cloppenburg
beispielsweise fragt weltmännisch Need a change? und präsentiert daraufhin den
modisch gekleideten Mann nicht als das was er ist, eben ein moderner Mann, sondern
kosmopolitisch als The Modern Man. Beim Autohersteller Daihatsu ist der move limited,
dafür ist bei Mitsubishi der Colt Cool mit Klimaanlage und folglich fresh and exciting.
Lucky Strike Raucher treffen sich beim Meeting Point, während die Kollegen von West
Have an Ice day wünschen. Die Autovermietung Europcar suggeriert, daß you rent a
lot more than a car. Die deutsche Lufthansa wirbt mit dem intelligenten Spruch You see the
world the way you fly. Die Dame von Calvin Klein is always and never the same. Der
Elektrokonzern Philips ruft dazu auf Let's make things better, während Microsoft
burschikos fragt Where do you want to go today? Bei Kinofilmen aus dem Hause Hollywood
erspart man sich nach der Synchronisation die Mühe, den Titel zu übersetzen. Diese
gelangen folglich unter ihren amerikanischen Originalnamen in die Lichtspielhäuser und
Videoregale Deutschlands und Österreichs: In & Out, Starship Troopers, Good Will
Huntuing, Outbreak, Flubber, Hard Rain. Und endlich, last not least, bringt »das etwas
andere Restaurant« den perfekten Zwittersatz zustande: Backwards at the haus behind
the kreuzung geht's zu McDonald's.
Bei einem derart ausgeprägten sprachlichen Selbstbewußtsein - ganz nebenbei ist
Deutsch in der EU immer noch nicht als gleichberechtigte Sprache anerkannt, obgleich es die
meist gesprochene Sprache Europas ist - überrascht folgende wahre Begebenheit auch
nicht mehr: Anfang Mai '98 stellte in Wien die Staatssekretärin im Wiener
Außenamt, Benita Ferrero-Waldner, in englischer Sprache eine Diskussionsrunde vor:
Ralf Dahrendorf, Kurt Biedenkopf und den polnischen Finanzminister Leszek Balcerowicz.
Dahrendorf, einst ein FDP-Politiker und vor Jahren nach England ausgewandert, meinte, er
könne sich auf deutsch nicht mehr standesgemäß ausdrücken und bediente
sich infolgedessen des Englischen. Der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf,
der sich offenbar nicht lumpen lassen wollte, trug seine Beiträge, obgleich unter
Zuhilfenahme deutscher Ausdrücke, ebenfalls in englischer Sprache vor. Wen wundert's
bei soviel Weltmännischkeit da noch, daß auch der Pole, der aufgrund seines in
Deutschland erfolgreich abgelegten Studiums nahezu fließend deutsch spricht, seine
Kenntnisse mehr schlecht als recht ebenfalls auf englisch zum besten gab. Die
österreichische Wochenzeitung ZUR ZEIT findet in ihrem Kommentar die treffenden Worte,
das Ausmaß des Geschehens zu erfassen: »Ein englischer Lord, der eigentlich ein
Deutscher ist (oder war), ein sächsischer Ministerpräsident, der von Zivilberuf
ein deutscher Universitätsprofessor ist, und ein gescheiter, junger polnischer
Politiker, der besser deutsch als englisch spricht - sie alle brillierten oder radebrechten
also auf englisch daher, als befänden sie sich im Oxforder King's College und nicht
mitten in Wien. Am Schluß kam auch noch der Wiener ÖVP-Chef Bernhard Görg
und begrüßte die Tagungsteilnehmer - gleichfalls auf englisch -, wobei er launig
eingestand, es gehe ihm mit dieser Sprache wie mit seiner Ehefrau: Er liebe sie, aber er
beherrsche sie nicht. Das Deutsche, sei's denn mit wienerischer Färbung, scheint er
zwar im Umkehrschluß zu beherrschen, aber nicht sehr zu lieben.«
Der hemmungslose, ja krankhafte Gebrauch von Amerikanismen im Deutschen zu allen
möglichen und vor allem unmöglichen Gelegenheiten widerspiegelt sich in geradezu
lächerlichen Variationen und Ausdrucksformen. Diese Anbiederung geht sogar soweit,
amerikanische Namen, die eigentlich deutsche sind, amerikanisch auszusprechen, dies gilt
insbesondere für Namen amerikanischer Schauspieler und amerikanischer Städte:
Steven Spielberg, Caspar Weinberger, Kurt Russell, Pittsburg oder Hanover. Kann man
angesichts solch ausgeprägter Konformität sich ernsthaft noch des Eindrucks
erwehren, daß hier erstens Meinungsmacher am Werk sein müssen, die zweitens einer
komplexbehafteten Nation suggerieren, was richtig und was falsch ist? Richtig bedeutet in
diesem Falle natürlich, »Weltoffenheit« und »Toleranz« zu
demonstrieren, falsch, da deutschtümelnd, einen gesunden Konservatismus bezüglich
des Gebrauchs der eigenen Muttersprache an den Tag zu legen. Nein, es besteht nicht
ernsthaft Zweifel darüber: Offenbar haben Deutsche wie Österreicher ein
gestörtes Verhältnis zu ihrer deutschen Muttersprache. Dieses ärmliche
Wechselbeziehung scheint sich aus einem anerzogenen bzw. suggerierten sprachlichen
Minderwertigkeitsgefühl heraus zu rekrutieren.
Über die Disziplinlosigkeit im Sprachgebrauch darf man nicht mit dem Sofaargument
hinwegsehen, »daß es sich hier um eine Modeerscheinung handele, die von selbst
wieder verschwinde«. Nein, der Bestand der deutschen Sprache - gewiß, ein
politisch vollkommen inkorrekter Ausdruck, über den sich Antifaschisten und andere
Gutmenschen wieder echauffieren werden -, ist akut gefährdet. Daß viele deutsche
Menschen dieser Gefahr immer noch gleichgültig gegenüberstehen, tut der
Dringlichkeit und dem Ausmaß des Problems keinen Abbruch - im Gegenteil, belegt dieser
Verfall doch nur den Hedonismus und Materialismus, von dem die Nation ergriffen ist.
Übertrieben? Es sind keineswegs mehr nur Werbeschöpfer, die der deutschen
Grammatik und Orthographie nicht mehr mächtig sind. Machen Sie doch mal einen kleinen
Test: Lassen Sie Ihren Nachbarn oder Freunde den Satz schreiben: »Gestern abend trafen
wir uns in Ilses Kneipe auf ein Bier.« Jede Wette, daß viele, wenn nicht der
Großteil der Befragten, den falschen - da angelsächsischen- Genitiv (Ilse's)
verwenden. Ganz abgesehen davon, daß der Gebrauch von »Modewörtern«
wie »geil« oder »cool« auf Kosten der Vielfältigkeit unserer
Sprache geht, verdrängen diese dämlichen und überdies falsch verwendeten
Ausrufe zweifelsohne anspruchsvollere Aussagewörter wie großartig, herrlich,
ausgezeichnet, hervorragend usw. »Na und?« könnte der unbedarfte Leser
immer noch fragen. Was soll's?! Schließlich ist es im hedonistisch-materialistischen
Zeitalter viel einfacher, seinen Job als seine Pflicht zu tun, gell? Nur, daß das
Denken eben vom Gehalt und der Vielfalt der Sprache eines Volkes und der Fähigkeit,
diese richtig anzuwenden, abhängig ist, und Denken und Sprechen in direkter Relation
zueinander stehen!
Ungeachtet der verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Zustände, die seit
1945 auf deutschem Boden herrschen bzw. herrschten, ist die deutsche Sprache bislang
ungespalten geblieben. Ein Südtiroler beispielsweise kann sich in seiner deutschen
Muttersprache mit einem Elsässer ebenso gut unterhalten, wie ein Burgenländer mit
einem Sachsen oder ein Auslandsdeutscher - gleichgültig seiner Herkunft - mit einem
Hessen. Die deutsche Sprache hat sich bislang als unteilbar erwiesen. Unter Beibehaltung des
augenblicklichen Kurses wird sie dies die längste Zeit gewesen sein.
Um noch einmal auf den Germanisten Treuheit zurückzukommen. »Aus Gründen
der Klarheit im Ausdruck und um der seelischen Werte unserer Muttersprache willen«, so
der Wissenschaftler, »müssen wir das Fremdwort vermeiden. Wer wirklich Bildung
besitzt, gebraucht es nur dort, wo es anders nicht möglich ist; denn er ist sich seiner
Verpflichtung gegenüber unserer Muttersprache bewußt.« Es bleibt dabei:
Wortgeschichte ist ein Stück Kulturgeschichte. Und der Verfall der Sprachkultur ist
durchaus ein Spiegel des geistigen Lage Deutschlands. Die Vergewaltigung unserer Sprache ist
- übrigens wie die sogenannte Rechtschreibreform auch - nur eine Erscheinungsform im
Streben, unsere Nation vollends zu entwurzeln und geistig zu verblöden.
© Dr. Claus Nordbruch