Schlimmer kann es nicht mehr werden?!
Mandela zum 80. Geburtstag

Am 18. Juli wird Nelson Rolihlahla Mandela, der in Umtata (Transkei) 1918 geboren wurde und aufwuchs, 80 Jahre alt. Als 22jähriger kehrte Mandela seiner Heimat den Rücken, freilich nicht aus politischen Gründen, sondern um seiner bevorstehenden Heirat in traditionellem Stile zu entgehen. Im Township Alexandra bei Johannesburg fand er Unterschlupf und trat 1944 dem ANC bei. Seit Beginn der fünfziger Jahre wurde er immer wieder inhaftiert, da er verstärkt bei illegalen kommunistischen Demonstrationen aufrührerisch in Erscheinung trat. Schließlich rutschte Mandela vollends in den Untergrund ab. Anfang der sechziger Jahre trat neben dem PAC vor allem der mit Hilfe der Kommunistischen Partei aufgebaute „militärische Arm” des ANC, Umkhonto we Sizwe, mit terroristischen Anschlägen in Aktion. Oberbefehlshaber dieser professionellen Terrororganisation wurde kein geringerer als Mandela, unter dessen Leitung die ersten Terrorakte am 16.12.1961 zu verantworten waren. Eineinhalb Jahre später stürmten die südafrikanischen Sicherheitskräfte die Farm des Kommunisten Arthur Goldreich bei Johannesburg, die als Hauptquartier der Terroristen ausgelotet worden war. Neben Unmengen von Waffen fand man vor allem strategisches und logistisches Material. Auf über 100 Land- und Straßenkarten waren präzise u.a. Polizeistationen, Postämter, Elektrizitätswerke sowie die Verläufe von Strom- und Telephonkabel eingezeichnet bzw. gekennzeichnet. Eine ganze Reihe davon waren zu diesem Zeitpunkt bereits Ziele von Anschlägen gewesen. Der Polizei fiel zudem ein Dokument mit dem Titel Operation Mayibuye in die Hände. Hierbei handelte es sich um eine penible entworfene Anleitung zum bewaffneten revolutionären Kampf und dies in großem Rahmen: Mindestens 7000 ausgebildete Terroristen sollten hiernach von zwei Ausgangspunkten in der Kap und je einem weiteren in Natal und im Transvaal den ‘Befreiungskrieg’ ins Land tragen. Die Oberste Befehlsführung trage dafür Sorge, daß für diesen Einsatz neben 210.000 Handgranaten und 48.000 Landminen auch Zeitzünder für Bomben und Tonnen von Explosivstoffen bereitgestellt würden. Tatsächlich liefen hier die Vorbereitungen für einen Krieg auf Hochtouren. Ziel war es gewesen, „einen Guerillakrieg vom Zaun zu brechen, dem eine bewaffnete Invasion und eine gewalttätige Revolution und Aufstände folgen sollten”. Bedeutende Teile der Anweisungen groß angelegter Tötungsvorhaben waren handschriftlich angefertigt - von Nelson Mandela. Auch die dogmatische Schrift How to be a good Communist stammt aus dessen Feder.

Mandela wurde der Prozeß gemacht. Lediglich aufgrund der Tatsache, daß er und seine Komplizen nicht wegen Hochverrats, sondern lediglich wegen Sabotage angeklagt worden waren, ersparte ihnen den Strick. Am 11. Juni 1964 wurde Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Februar 1990 wurde er auf Initiative F. W. de Klerks aus der Haft vorzeitig entlassen und bekanntlich am 10. Mai 1994 als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt.

Seither geht es mit Südafrika in jeder Beziehung rapide bergab. Verbrecher aller Couleur feiern fröhliche Urständ, die Korruption hat sich vom Posten des kleinen Beamten bis hoch in die Ministerien eingenistet, Drogen und Pornographie finden Einzug in nie zuvor gekanntem Ausmaße, den Sicherheitskräften wird seitens der Bevölkerung kein Vertrauen mehr entgegengebracht, die Währung ist inzwischen auf den ‘Wert’ der in der Dritten Welt üblichen Tiefststufe abgefallen, wie überhaupt Normen und Standarde immer mehr denen eines Entwicklungslandes entsprechen.

Zehntausende, noch im ‘alten’ Südafrika Ausgebildete und Studierte verlassen das Land und versuchen ein Leben in Frieden und Wohlstand fernab von Afrika zu finden. Von 1994 bis 1996 waren dies über 200.000 Menschen und das bei einer Gesamtbevölkerungszahl der Weißen von knapp 5,5 Millionen. Die Tendenz der Auswanderung ist steigend. Erfaßt werden hierbei lediglich die offiziell Auswandernden, nicht jedoch diejenigen, die das Land mit einem Touristenvisum verlassen und einmal pro Jahr wieder einreisen, um den gesetzlich geregelten Satz an Geld, der nur für Touristen zugelassen ist, bei der Bank abzuheben und Südafrika erneut für 12 Monate zu verlassen. De facto lebt also neben den offiziellen Emigranten eine empirisch nicht festzusetzende Anzahl von Südafrikanern im Ausland. Ebenso nicht erfaßt ist die große Anzahl von Südafrikanern, die im Besitz einer zweiten Staatsbürgerschaft sind und ohne groß zu erfassende Formalitäten von heute auf morgen auf unbestimmte Zeit ausreisen können. Auch über die Anzahl derjenigen Doppelstaatsbürger, die das Land bereits verlassen haben, liegen nur Dunkelziffern vor. Es ist sicher nicht übertrieben geschätzt, daß heute die Gesamtzahl der Auswanderer die 500.000-Grenze längst überschritten hat. Daß es sich bei diesen Emigranten zu 98% um Weiße handelt, liegt auf der Hand. Daß von diesen fast alle zu den akademisch und fachlich damit besser Ausgebildeten und besser Verdienenden gehören, ist angesichts des schier unerschwinglichen finanziellen Aspekts, den eine Auswanderung in sich birgt, selbstverständlich. In Scharen zieht es Facharbeiter, Universitätsdozenten, Ärzte und andere Vertreter hochqualifizierter Berufsgruppen ins Ausland.

Wie konnte Südafrika derart verkommen? Die Antwort liegt in der Sache selbst. Regierungschef Nelson Mandela hat weder für seine Sympathie für den Kommunismus je einen Hehl gemacht, noch sich je von kommunistischen Phrasen distanziert. Im Gegenteil, er bekannte: „Wir Mitglieder der Kommunistischen Partei sind die am meisten fortgeschrittenen Revolutionäre der modernen Geschichte ... Der Feind muß zuerst vollkommen zerschmettert und ausgerottet werden vom Erdboden, bevor die kommunistische Welt verwirklicht werden kann.” Dieses eindeutige Bekenntnis bekräftigte Mandela 1986 erneut: „Ich bin ein Sozialist und glaube an die klassenlose Gesellschaft.”

Alles alter Schnee, mögen an dieser Stelle ewige Skeptiker oder allzeit besserwissende Gutmenschen einwerfen. Und trotzdem ist in Südafrika Mandelas Konzept der klassen- (und rassenlosen) Gesellschaft heute so aktuell wie nie zuvor. Am 28.7.1996 bekannte Mandela anläßlich des 75jährigen Gründungstages der Kommunistischen Partei in Südafrika: „Im Namen des Afrikanischen Nationalkongreß überbringe ich Ihnen meine aufrichtigen brüderlichen Grüße. Vorsitzender und Genossen! Wir im ANC wünschen Ihnen nicht nur aus einer Gefühlsregung heraus alles Gute. Wir wissen aus der reichen Geschichte unseres Kampfes nur zu gut, daß eine Partei wie die Ihrige, die die Interessen der Armen und der Stimmlosen an die oberste Stelle des Engagements gesetzt hat, in der Tat eine Bereicherung für unsere Gesellschaft ist”. Mandela huldigte im weiteren Verlauf seiner Laudatio die „Allianz zwischen dem ANC und der Kommunistischen Partei” als ein „natürliches Ergebnis”, wobei er den ANC, die Kommunistische Partei und den Dachverband der kommunistischen Gewerkschaft COSATU als „demokratische Organisationen” pries, was Mandelas Demokratieverständnis durchaus belegt.

Diese Bekundungen passen angesichts der Mythologisierung der westlichen Medien um Mandela nicht in das Bild vom heutigen Südafrika. Folglich wird uns Mandela als Friedensengel, als weiser Staatsmann im Fernsehen und in den Zeitungen präsentiert. Mandela, „die Lichtgestalt in der Geschichte Südafrikas schlechthin”, wie dem Verfasser vor wenigen Wochen gar eine Direktorin der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung in Erfurt versuchte einzureden.

Während Nelson Mandela im Ausland den Menschen als liebenswürdiger, zwischenzeitlich ergrauter ehemalige Freiheitskämpfer, der von einem Gewaltregime mehr als 27 Jahre willkürlich im Gefängnis gehalten wurde, suggeriert wird, ist die Realität um seine Person und seine Politik eine gänzlich andere. Mandelas Regierungspraxis ist weit davon entfernt, dem zu entsprechen, was sie von den Medien vorgegaukelt wird zu sein. Real gesehen ist sie von starken oligarischen, teilweise diktatorischen Verhaltensweisen und einer Riesenportion Dilettantismus gekennzeichnet. Einerseits suggeriert Mandela nach außen hin das Bild des unabhängigen und souveränen Staatsmannes, der Südafrika als gleichberechtigtes Mitglied der Staatengemeinschaft vertritt. Andererseits setzt er sich rigoros über den Willen der Völker Südafrikas hinweg. Was zählt, ist die Bevorzugung derjenigen, die sich in seinem Dunstkreis aufhalten. Auffällig dabei ist ferner, daß eine heute von Mandela getroffene Entscheidung morgen längst nicht mehr Gültigkeit haben muß. Beispiele über die ‘staatsmännische Führung’ Mandelas gibt es zuhauf, zum Beispiel bezüglich Todesstrafe. Angesichts der Tatsache, daß die Völker Südafrikas mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt konfrontiert werden, ist der Wunsch der Bevölkerung nach einer effektiven Strafverfolgung und der konsequenten Anwendung geeignete Strafmaßnahmen nachvollziehbar. Die übergroße Mehrheit der Wahlberechtigten fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe. Anfang November ließ er durch seinen Justizminister, den Kommunisten Dullah Omar, bekannt machen, daß eine Wiedereinführung nicht in Frage käme, da diese Art der Bestrafung während der Apartheidjahre praktiziert worden wäre. Ein anderes Beispiel war im Februar die Diskussion um die Legalisierung der Abtreibung. Wesentlich mehr Menschen als bislang je bei einer nationalen Wahl für den ANC gestimmt haben, sind sowohl zugunsten der Wiedereinführung der Todesstrafe als auch gegen die Legalisierung der Abtreibung eingestellt. Für den ‘Staatsmann’ Mandela ist dies freilich kein Thema. Der Willen der Völker Südafrikas wird schlicht ignoriert und übergangen.

Ein weiteres Beispiel ist die Mär von der Regenbogennation, die Mandela unter der vermessenen Leugnung der Vielfalt der in Südafrika lebenden Völker inszenierte. Dabei gibt es kein einheitliches ‘südafrikanisches Volk’, genauso wenig wie es nicht die ‘südafrikanische’ Sprache gibt. Immerhin ist in der Verfassung festgehalten, daß es in Südafrika elf offizielle Sprachen gibt: Afrikaans, Englisch, isiNdebele, Sesotho sa Leboa, Sesotho, siSwati, Xitsonga, Setswana, Tshivenda, isiXhosa und isiZulu. Und obgleich Afrikaans mit Abstand von den meisten Menschen in Südafrika gesprochen wird, wird es zugunsten des Englischen immer weiter verdrängt. Der von Xhosas dominierte ANC diskriminiert aber keineswegs nur gegen Afrikaans. Es wird öffentlich und ganz bewußt gegen Nicht-Schwarze und Hochqualifizierte - eben weil sie meist weiß sind - diskriminiert. Jeder der nicht schwarz genug ist, hat unter dem neuen Verteilungsprozedere von Arbeitsplätzen zu leiden, und ganz besonders auch die Mischlinge (Farbige). In einem Leserbrief in der pro-ANC eingestellten Tageszeitung THE STAR findet ein Betroffener den Mut, sich in einem Leserbrief u. a. wie folgt zu äußern: „Affirmative Action kommt ausschließlich den Schwarzen zugute. Als Farbiger schließt mich die Politik der Affirmative Action nicht mit ein (...) Niemand ist an meiner beruflichen Weiterbildung interessiert, da ich nicht schwarz genug bin.”

Im Neuen Südafrika werden bestimmte Menschen aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit bevorzugt, andere dagegen benachteiligt. Dies sind keine Randerscheinungen oder Ausnahmen, sondern Dogma. Am 9.2.98 kritisierten die Oppositionsparteien den ANC, daß er immer mehr der alten Nationalen Partei von 1948 gleiche. Die Kritik kam zu Recht. Tatsächlich ist ‘Rasse’ und nicht etwa ‘Können’ oder ‘Leistung’ der ausschlaggebende Faktor bei der Vergabe von Arbeitsplätzen. Nach einem amtlichen ‘ausgearbeiteten Konzept’ müssen Anstellungen so angewandt werden, daß bis 1999 50% der Posten im gehobenen Staatsdienst von Schwarzen ausgefüllt sind. „Erst wenn die Quote für 1999 erreicht ist, wird Leistung der einzige Maßstab für eine Anstellung sein.”

So paradox es klingt: Die ehemalige Festung wirtschaftlicher Stabilität auf dem afrikanischen Kontinent ist innerhalb von vier Jahren „Demokratisierung” auf den Status einer Bananenrepublik verfallen. Und diejenigen, die sich dem naiven Glauben hingeben, schlimmer als unter Mandela könne es nicht mehr werden, die irren sich gewaltig. Mandelas potentieller Nachfolger, Thabo Mbeki, hat bereits öffentlich erklärt, daß die Revolution noch nicht beendet sei und wenn die Weißen nicht freiwillig von ihrem Besitz zugunsten der „Benachteiligten” zurückträten, müsse der Staat entsprechend eingreifen. Es wird in Südafrika noch die Zeit zurückgesehnt werden, als es allen gutging: unter Mandela.

Der Autor ist Verfasser der themenrelevanten Bücher
»Ein Nationalstaat für Buren« (Contact Publishers, Pretoria 1998) und
»Volksbetrug am Kap« (VGB, Berg 1998)

 

© Dr. Claus Nordbruch