Tod eines Politikers

Ein Nachruf auf Jürgen W. Möllemann

Am Donnerstag, den 5. Juni 2003 tickerte um 13:20 Uhr eine brisante Eilmeldung über den Äther: Jürgen Möllemann ist tot. Seine Leiche war noch nicht erkaltet, da jagte bereits eine zweite Meldung hinterher: Er habe Selbstmord verübt und sich beim Fallschirmspringen bewußt in den Tod gestürzt. Dies darf bezweifelt werden.

»Das war kein Unfall«, rief eine Fallschirmspringerin aus Möllemanns Verein kurz nach dessen tödlichem Absturz aus. Hätte Möllemann Selbstmord verübt, hätte er die automatische Programmierung des Auslösemechanismus für den Reservefallschirm nicht eingeschaltet, mit deren Hilfe sich der Reserveschirm im Notfall automatisch öffnet. Die Fallschirmspringerin bescheinigte ihrem Vereinskameraden: »Einem Springer mit so viel Erfahrung wie Herr Möllemann, passiert in solch einer Phase des Sprungs kein Fehler mehr – das ist definitiv.«

Es ist überaus seltsam, daß sich der Hauptschirm Möllemanns bereits auf etwa 1500 Meter geöffnet hat. Für alle Nicht-Springer: Gerade der freie Fall ist für Fallschirmspringer der »Kick« des Springens und nicht die Zeit am Schirm. Normalerweise öffnet ein erfahrener Springer – und mit knapp 800 Sprüngen war Möllemann ein solcher! – den Schirm erst auf etwa 800 Meter Höhe. Es gibt kaum einen Freifaller, der nicht die volle Zeit von etwa 60 Sekunden des freien Falls, die bei einem Sprung aus 4000 Meter verbleiben, voll ausschöpft. Warum öffnete sich der Fallschirm also schon, nachdem erst gut die Hälfte des Sprunges vorüber war? Hatte Möllemann selbst gezogen? Möglich, aber warum? Um ihn darauf gleich wieder abzuschneiden, weil er sich umbringen wollte? Eine nicht gerade geistreiche Logik. Ist der Schirm von selbst aufgegangen? Auch möglich. Dann handelte es sich um eine Fehlfunktion, die zwar für einen Freifaller ärgerlich ist, da sie den Genuß des Freifalls verkürzt, aber gewiß nicht bedeutet, den Schirm abtrennen zu müssen. Also warum löste sich der Schirm vom Gurtwerk? Absichtliches Handeln, Manipulation, Fehlfunktion? Theoretisch ist alles möglich. Nur eines nicht: Daß sich der Reserveschirm nicht öffnet.

Möllemann mußte in seinem Leben drei Mal die Reserve ziehen. Jedesmal war der Grund eine Fehlfunktion des Hauptschirms. Jedesmal behielt Möllemann die Nerven, konnte den unkontrollierten Sturz abfangen und den Reservefallschirm ziehen, was ein Beweis für seine Professionalität am Fallschirm ist. Wie alle modernen Fallschirmausrüstungen, war auch Möllemanns Ausrüstung mit dem sogenannten Zypres versehen, jenem kybernetischen Fallschirm-Auslöser-System, das im Notfall den Reservefallschirm öffnet, sollte ein Springer bewußtlos werden und die Reserve nicht mehr selbst ziehen können. In einem solchen Fall wird der Reserveschirm in etwa 300 Meter Höhe automatisch geöffnet.

Möllemanns Reserveschirm hat sich jedoch nicht geöffnet. Manipulation? Diese wird offiziell ausgeschlossen. Interessanterweise meldete yahoo.de am 7. Juni 2003 um 13:14 Uhr, daß »die Polizei die Suche nach einem noch fehlenden Metallteil des Fallschirms am Flughafen Marl« aufgegeben habe. Um welches Teil handelte es sich dabei? Dies wurde nie genannt. Wenige Tage später hieß es, die »Untersuchungen zum Fallschirmabsturz des früheren FDP-Spitzenpolitikers Jürgen Möllemann« hätten »nach Angaben der Behörden weiter keine Hinweise auf einen Unfall oder eine Manipulation des Fallschirms ergeben.« Ist damit die Selbstmordthese bestätigt? Mitnichten!

Wenige Tage vor seinem Tod hatte sich Möllemann gegenüber der Welt am Sonntag optimistisch über seine Zukunftspläne geäußert. Gesundheitlich sei wieder alles in Ordnung – deshalb könne er ja auch endlich wieder springen. Zur Frage einer möglichen Parteigründung erklärte Möllemann, daß noch nichts entschieden sei, er aber daran arbeite. Wichtig sei ihm der Rückhalt seiner Familie, die er künftig verstärkt konsultieren wolle. Und sein Urlaub auf Gran Canaria beginne im August. Zukunftspläne, die gewiß kein Selbstmörder hegt. Abgesehen davon, daß auch kein Abschiedsbrief vorliegt. Ein Motiv für einen Selbstmord liegt also nicht vor. Übrigens ist auch der Einwand, Möllemann habe sich wegen anstehender Aufhebung der Immunität oder wegen Hausdurchsuchungen das Leben genommen, in sich nicht schlüssig, da der Politiker zum Zeitpunkt seines Todes von den Entwicklungen höchstens etwas ahnen, mit Sicherheit aber nichts wissen konnte: Die Presseagentur Associated Press in Frankfurt am Main gab am 5. Juni 2003 um 16:38 Uhr eine Chronik des Todestages von Jürgen Möllemann heraus, in der es unter anderem heißt, daß gegen 12:10 Uhr die Maschine mit Jürgen Möllemann an Bord abgehoben habe. Deutlich bevor besagte Entwicklungen ihren Lauf genommen hatten. Zwischen 12:18 und 12:20 Uhr – die Maschine hatte bereits eine Höhe von 2.000 Meter erreicht – habe im Bundestag die Abstimmung über die Aufhebung über Immunität Möllemanns stattgefunden, die zuungunsten des Politikers ausfallen sollte. Nahezu zeitgleich teilte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf per Fax mit, daß wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung, Verstoß gegen das Parteiengesetz, Betrug und Untreue 25 Büros und Wohnräume Möllemanns in 13 Orten im Bundesgebiet sowie in Luxemburg, Spanien und Liechtenstein durchsucht würden. Zehn Minuten später – kurz vor 12:30 Uhr – hatte das Flugzeug die Sprunghöhe erreicht. Wenige Augenblicke später springt Möllemann. Bereits nach etwa 35 Sekunden, ca. der Hälfte des gesamtes Sprunges, öffnet sich Möllemanns Fallschirm, der unmittelbar danach (aktiv oder passiv?) abgetrennt wird. Die Reserve öffnet sich nicht. Der Fallschirmspringer Möllemann rast daraufhin ungebremst auf den zu Boden zu. Mit etwa 200 Stundenkilometern schlägt er auf die Erde, wobei sein Schädel zertrümmert und lebenswichtige Organe zerrissen werden. Er ist sofort tot. Die spätere Obduktion Möllemanns ergab, daß er vor dem Absprung nicht unter dem Einfluß von Alkohol oder Drogen gestanden hat.

Noch Abend verstärkten sich die Meinungen, daß Möllemann nicht Selbstmord verübt habe. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle sagte im ZDF, er könne den Schluß nicht nachvollziehen, daß Möllemann den Freitod gewählt habe. Möllemann sei ein »sehr vitaler und engagierter Mensch« gewesen. »Dieses Ende paßt nicht zu dem Bild, daß ich von ihm hatte«. Auch der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki glaubt nicht an einen Freitod seines Freundes. »Für einen Selbstmord gibt es keinen nachvollziehbaren Grund«, sagte Kubicki gegenüber der Märkischen Oderzeitung. Was also sonst könnte der Grund für Möllemanns »Unfall« sein?

Bekanntlich sind vom israelischen Staat Todesschwadronen legitimiert, selbst in befreundeten Staaten aktiv zu werden und beispielsweise Oppositionelle zu liquidieren. Tatsächlich ist der Auslandsgeheimdienst Israels, der sogenannte Mossad, mit der Vollmacht ausgestattet, zu jeder Zeit in jedem Land Ziele zu eliminieren, die als Gefahr oder Bedrohung für Juden bzw. den Staat Israel erkannt worden sind oder als solche gelten. Gewiß, diese Feststellung bedeutet keine neue Erkenntnis. In der Vergangenheit ist es schon öfters zu solchen politischen Morden gekommen. Auch auf deutschem Boden. Auch an Deutschen. Das diesbezüglich wohl bekannteste Beispiel der Neuzeit beschrieb der ehemalige Mossad-Agent Victor Ostrovsky, der wie kein anderer Publizist die Aktionen, die Methoden und die Effektivität des israelischen Geheimdienstes für die breite Öffentlichkeit enthüllt hat: Er legte beispielsweise dar, warum und wie Uwe Barschel 1987 in Genf ermordet wurde. Bekanntlich opponierte Barschel gegen Israels Waffengeschäfte und militärische Operationen auf deutschem Boden und drohte über diverse Machenschaften auszupacken. Mit dieser Drohung war das Schicksal dieses Politikers besiegelt.

Auch Jürgen W. Möllemann hatte sich mit den jüdischen Machtzentren angelegt. Er gab den Repräsentanten des Zentralrats der Juden in Deutschland die Schuld am zunehmenden Antisemitismus und griff dabei insbesondere den »Vorzeigejuden der CDU« (Titanic) Michel Friedman, scharf an. Darüber hinaus war Möllemann Vorsitzender der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und versuchte in dieser Position nach Kräften, die Verbrechen Israels im Nahen Osten öffentlich zu machen. Er nannte Israel einen Terror-Staat und äußerte Verständnis für den Freiheitskampf der Palästinenser.

Möllemann war unangenehm. Mehr als das. Schließlich war er kein unbedeutender »rechtsradikaler« Intellektueller, der mühelos totgeschwiegen werden kann. Als stellvertretender Parteivorsitzender der FDP war er ein Rädchen im Machtapparat dieses Staates. Als solcher wirkte er wie ein spitzer Stachel im Fleisch seiner Gegner. Mit seinen unverblümten Angriffen auf die jüdische Führungselite sorgte Möllemann für eine differenziertere Wahrnehmung der Deutschen gegenüber dem Judentum. Möllemann brach mit seiner Kritik am Zentralrat und an Israel das heiligste Tabu dieser Republik. Daß er sich dabei sehr weit aus dem Fenster lehnte, war Möllemann bewußt. Daß er seine Position deshalb aber nicht aufgab, sondern weiter vertrat, spricht für seinen Charakter und seine Überzeugung, womit er sich von der hierzulande herrschenden politischen Kaste meilenweit abhob. Möllemann wußte, daß der Mossad seinen (politischen) Kopf wollte. Während des Israel-Besuchs von Guido Westerwelle im Mai 2002 habe Möllemann zufolge ein »Mann ohne Namen« Westerwelle in unmißverständlichen Worten gesagt, daß die israelische Regierung seinen [Möllemanns] politischen Kopf verlange. Westerwelle habe später einen seiner kundigen Begleiter gefragt, wer das gewesen sei, und habe zur Antwort erhalten: »Der Mossad!«.

Es mutet wie ein vernichtender Schlag aus dem Jenseits an: Wenige Tage nach Möllemanns Tod, platzte die politische Bombe über Friedmans Machenschaften im Rotlicht- und Drogenmilieu. Ein Skandal, der jedem Politiker das politische Genick bricht. Zum ersten Mal in seinem medienumhegten Leben ist der Moralapostel und Berufsankläger Friedman kleinlaut. Zum Zeitpunkt, als diese Zeilen geschrieben werden, hat er sich –selbstredend aus gesundheitlichen Gründen! – zunächst einmal ins südliche Ausland abgesetzt. Vielleicht, um darüber zu sinnieren, daß selbst seine Narrenfreiheit eine Grenze findet und selbst er seine Nase nicht ohne Folgen überall reinstecken kann. Die hiesigen Medien halten sich mit ihrer Berichterstattung hierüber auffallend zurück. Was uns abschließend nochmals auf Möllemann zurückbringt, denn geradezu feige und heuchlerisch ist auch das Gehabe der Systempolitiker: Der Bundestag gedachte Möllemann in einer Schweigeminute. Der Reichstag wurde auf Halbmast geflaggt. Westerwelle schlug gar einen Staatsakt vor. Man muß mit Jürgen W. Möllemann nicht parteipolitisch übereinstimmen, um ihm ohne Wenn und Aber das zu zollen, was in dieser Republik zwar inflationär propagiert wird, faktisch aber nicht existiert: Mut und Zivilcourage. Die politische Landschaft hierzulande wird mit dem Tod Möllemanns noch armseliger werden.

Dieser Artikel ist exklusiv in der Monatszeitung DEUTSCHE STIMME, Nummer 7/2003 erschienen.

 

© Dr. Claus Nordbruch