
Die alliierten ›Befreier‹ haben nicht zum ersten Mal ihr wahres Gesicht gezeigt als sie im Irak im Namen von ›Demokratie und Freiheit‹ einige ihrer vehementesten Gegner wegen ›Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹ zum Tod durch den Strang verurteilten. Geschichtsbewußten Lesern fallen unverzüglich die Parallelen zum Internationalen Militärtribunal in Nürnberg auf. Das fragwürdige auch jetzt durch eine Siegerjustiz ausgesprochene und vollstreckte Urteil an Präsident Saddam Hussein wird einschneidende internationale Folgen haben.
Für Saddam Hussein (69), der am 28. April 1937 als Bauernsohn geboren wurde, ohne Vater aufwuchs und im Juli 1979 mittels eines Putsches an die Macht im Zweistromland gekommen war, gab es nichts Ehernes, als in jeder Lebenslage das Gesicht zu wahren. Diese höchst achtenswerte Haltung hielt er während des gesamten Schauprozesses des ›irakischen‹ Marionettenregimes durch. Er hatte diese Haltung sogar bewahrt, als er, die Hände gefesselt, die unwiderruflich letzten Schritte seines Lebens ging und fest entschlossen, die Stufen des für ihn im ehemaligen Hauptquartier des militärischen Geheimdienstes in Kazimiyah errichteten Galgens hinaufstieg. Selbst als ihm die ihn hassenden und verhöhnenden Henker den Strick um den Hals legten, war der Präsident gefaßt und ohne Angst.
Die letzte Schlacht in seinem Leben, die die alliierte Besatzungsmacht als vernichtende Niederlage in die Geschichtsbücher einzutragen gedachte, münzte Präsident Hussein in einen ewig währenden Sieg um. Nicht nur in der arabischen Welt hat ihm seine tadellose, ja heroische Haltung viel Sympathie eingebracht. Sein bis in den Tod unerschütterliches Selbstvertrauen hatte ihm schon während seiner Regierungsherrschaft im Irak den Ruf eines Unverwundbaren eingetragen. Viele Iraker sagten ihrem Präsidenten damals fast übernatürliche Kräfte nach. Heute wird er von vielen bereits als Held und Prophet verehrt. Der Geistliche Scheich Yahya al-Attawi sprach die Worte: »Der Präsident, der Führer Saddam Hussein ist ein Märtyrer, und Gott wird ihn in die Reihe der anderen Märtyrer heben. Seid nicht traurig und klagt nicht, denn er gab sein Leben als heiliger Krieger«.
Alles andere als heldenhaft traten die Alliierten und ihre Häscher auf. Vom ersten Augenblick seiner Gefangennahme an, versuchten die alliierten ›Befreier‹ und ›Kulturbringer‹ Saddam Hussein zu entehren und zu erniedrigen. Entsprechende Filmaufnahmen bestätigen, daß der Präsident von US-amerikanischen Soldaten offensichtlich unter Drogen gesetzt worden war, um ihn nach der Festnahme als willenloses Wesen im Fernsehen vorführen zu können. Manipuliert und gelogen wurde im gesamten Schauprozeß bis zur überhasteten Vollstreckung des erwarteten Urteils. Die Mitarbeiterin im Außenministerium Mariam el Rajis beispielsweise behauptete am Morgen des 30. Dezember 2006 im staatlichen Fernsehen, sie sei bei der Vollstreckung der Todesstrafe anwesend gewesen. Zuerst seien der irakische ›Ex-Präsident‹, dann die beiden anderen Männer gehängt worden, versicherte sie. Der ›nationale Sicherheitsberater‹ Muwafak al Rubaie, glaubte nach der Lynchung des Präsidenten dem staatlichen Sender Irakija gegenüber allen Ernstes behaupten zu müssen, die Hinrichtung sei »100 Prozent irakisch« gewesen und die Amerikaner hätten »sich nicht eingemischt.«
Während des Schauprozesses war der irakische Präsident ausnahmslos in dem US-amerikanischen Militärgefängnis Camp Cropper gefangen gehalten worden; erst unmittelbar vor Vollstreckung des Urteils wurde er den ›irakischen‹ Behörden übergeben. Diese alberne Handlung war wie der gesamte Prozeß eine einzige Farce: Am 20. Oktober 2005 wird Awad Hamed al-Bander, ein Anwalt der irakischen Elite aus der Verteidigungsmannschaft des Präsidenten in Bagdad entführt und ermordet. Am 8. November 2005 wird Taha Jassin Ramadan als zweiter Anwalt in Bagdad ermordet. Am 28. November 2005 herrschen chaotische Szenen im Gericht. Die Angeklagten beschweren sich über mangelnden Rechtsbeistand. Am 5. Dezember 2005 herrscht erneut Tumult im Gericht. Der Vorsitzende Richter Risgar Mohammed Amin versucht mühsam, die Kontrolle zu behalten. Die Anwälte zweifeln die Rechtmäßigkeit des Verfahrens an und fordern mehr Schutz für die Verteidiger. Am 14. Januar 2006 reicht Richter Amin seinen Rücktritt ein. Am 20. Juni 2006 wird der stellvertretende Vorsitzende von Saddam Husseins anwaltlicher Mannschaft in Bagdad entführt und ermordet. Am 5. November 2006 werden Saddam Hussein, sein Bruder Al-Tikriti und Ex-Richter Al-Bandar zum Tode verurteilt. Am 26. Dezember 2006 bestätigt das ›Berufungsgericht‹ das Urteil. Vier Tage später wird Präsident Saddam Hussein unter widrigen Umständen in aller Eile gehängt.
Wie erhaben Saddam Hussein tatsächlich war und wie sehr er über seinen Widersachern stand, bewies seine tadellose Haltung vor dem Tribunal. Immer wieder stellte er richtig: »Ich bin Saddam Hussein al-Madschid, Präsident der Republik Irak, und US-Präsident George W. Bush ist der Verbrecher.« Die Richter, den Staatsanwalt und die sogenannte neue irakische Regierung bezeichnete er als Lakaien der Amerikaner. Gleichzeitig verlachte er die neuen Herrscher in Bagdad, weil sie den Kampf gegen die Aufständischen und Terroristen trotz Unterstützung durch die US-Armee bislang nicht gewinnen konnten. Er tat dies mit größtem Recht, denn während seiner 23 jährigen Regierungszeit brachte er der früheren britischen Kolonie die bislang längste Periode innerer Stabilität. Nicht nur das, mit den Einnahmen aus den riesigen Erdölvorkommen begann Präsident Hussein ehrgeizige Sozialprogramme und erfolgreiche Wirtschaftsreformen ins Leben zu rufen. Die Alphabetisierungsrate stieg von 30 auf 70 Prozent, und damit auf den höchsten Wert in einem arabischen Land. Der Irak wurde unter seiner Regierung zu einer Perle unter den arabischen Staaten.
Am Morgen seiner Hinrichtung stieg der Todgeweihte entschieden und mutig auf den Galgen. Er trug einen schwarzen Anzug, keine Gefangenenkleidung. Selbst Munir Haddad, ein Richter des ›Berufungsgerichts‹ und Zeuge der Hinrichtung, bestätigte später sowohl die gefaßte Haltung des Präsidenten als auch dessen Schlagkräftigkeit. Am Galgen weigert sich Präsident Hussein, seinem Kopf einen schwarzen Sack überstülpen zu lassen. »Wir«, so sagt er, würden in den Himmel kommen, »unsere« Feinde jedoch in der Hölle verrotten. Ein anderer Zeuge, Mowaffak al Rubaie, erklärte später gegenüber der New York Times, daß einer der vermummten Wächter Saddam Hussein angeschrieen habe: »Sie haben uns zerstört. Sie haben uns getötet. Sie haben uns dazu verdammt, im Elend [destitution] zu leben«, woraufhin der Präsident ruhig erwiderte: »Ich habe Euch vor Elend und Leid gerettet und Eure Feinde zerstört, die Perser und die Amerikaner.« Als Präsident Saddam Hussein oben auf dem Galgen steht, lächelt er zu den ihn unten verspottenden Zuschauern und sagt ihnen, daß sie keine Mannhaftigkeit zeigen. Dann ruft er mit klarer Stimme: »Gott ist groß. Die Nation wird siegen und Palästina ist arabisch.« Er beginnt aus dem muslimischen Gebet Shahada zu zitieren und läßt sich beim Beten von niemandem unterbrechen. Erst das unumkehrbare Öffnen der Falltüre beendet seine Worte.
Selbst die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezweifelt, daß Saddam Hussein ein fairer Prozeß zuteil wurde. Das steht freilich außer Frage! Der zur Verteidigungsmannschaft des Präsidenten gehörende französische Rechtsanwalt Emmanuel Ludot, verlangte in einem Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bereits eine Untersuchung der Hinrichtung. Sowohl das Video als auch die Hinrichtung seines Mandanten verstießen gegen die Genfer Konvention von 1949. Der Hingerichtete sei bis zu seinem Tod vom Status her Kriegsgefangener gewesen, also hätte die Konvention auf ihn angewandt werden müssen. Ludot will außerdem wissen, wer die vermummten Henker waren, denn hochgestellte Saddam-Gegner könnten »in einem üblen Handel mit der Besatzungsmacht das Privileg erhalten haben, bei der Tötung selbst Hand anzulegen«.
Die Menschenverächter der ›westlichen Wertegemeinschaft‹ haben indes nichts begriffen. George W. Bush hatte die Hinrichtung des irakischen Staatschefs »als gerechte Strafe« und als »wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer irakischen Demokratie« bezeichnet. Der australische Premierminister John Howard nannte das Gerichtsverfahren bezeichnenderweise »ein Zeichen der demokratischen Hoffnung«. Die britische Außenministerin Margaret Beckett erklärte, Saddam Hussein habe »bezahlt« für »einige seiner schrecklichen Verbrechen« und sie sie sei froh, daß er von einem »irakischen Gericht« zur Rechenschaft gezogen worden sei. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ verlautbaren, sie »respektiere das Urteil« und wünsche dem irakischen Volk, daß es einen »Weg ohne Gewalt und in Frieden« gehen könne. Sie hätte besser ihren Mund gehalten! Ebenso wie Israels Vize-Ministerpräsident Shimon Peres, der sich veranlaßt sah, die Hinrichtung mit dem Ende Adolf Hitlers zu vergleichen.
Die Alliierten haben die Büchse der Pandora geöffnet und die wird sich erst wieder schließen lassen, wenn umfassende Gerechtigkeit widerfahren ist. Der Stellvertreter des Präsidenten, Essat Ibrahim, hat die Iraker bereits zur »Befreiung des Vaterlandes« aufgerufen. »Ich schwöre, den heiligen Krieg fortzusetzen und bis zur vollständigen Befreiung unseres Vaterlandes zu verstärken«, erklärte der seit Jahren im Untergrund lebende irakische Vize-Präsident in einer Botschaft, die auf der Internetseite von Präsident Husseins Partei, der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei, veröffentlicht worden ist. Alle »tapferen Führer und Kämpfer des heiligen Krieges« sollten sich zu einer Widerstandsfront zusammenschließen, um »den Feind zu vernichten und unser geliebtes Vaterland zu befreien«. Die mannhafte Haltung von Präsident Saddam Hussein wird hierzu ihren Beitrag leisten! Dies ist mitnichten eine trotzige Hypothese. Schon unsere germanischen Vorfahren wußten in der Edda um die eherne Wahrheit: Ewig währt der Toten Tatenruhm.
© Euro-Kurier (Tübingen), Nr. 1/2007