Wofür leben wir?
Wer von uns hat sie sich noch nicht gestellt, die Frage nach dem Sinn des Lebens? Viele Zeitgenossen dürften ihn heute im Konsum und in hedonistischer Selbstgefälligkeit sehen. Das verwundert weiter nicht, da hierzulande die einzige wirkliche Freiheit - so man sie als solche überhaupt bezeichnen kann - eben im ungestümen Konsumieren liegt. Nach dem albernen Motto, man gönne sich ja sonst nichts, wird diese grenzenlose »Freiheit« gar als Lebenssinn suggeriert. Ganz ähnlich verhält es sich ja mit dem Grad der hierzulande zulässigen Meinungsäußerungsfreiheit: die unsinnigsten Behauptungen dürfen aufgestellt werden, inwieweit ist es aber möglich, eine kritische Haltung gegenüber anderen Meinungen - auch und erst recht gegenüber der gängigen Lehrmeinung bzw. der veröffentlichen Meinung - vertreten und frei äußern zu können, ohne dafür Repressalien ausgesetzt zu sein? Eben!
Wenn es im Leben des Menschen nichts Höheres geben sollte als den vollen Einkaufswagen mit vermeintlich notwendigen Lebensmitteln und Utensilien, die Urlaubsreise auf Pump oder 60 Fernsehprogramme, dann ist es um die Schöpfung armselig bestellt. Wenn unsere Opferbereitschaft nicht für künftige Generationen wäre, warum dann noch Verantwortung übernehmen? Wenn unser Schaffen nicht für die Generationen wäre, die uns folgen, warum denken, arbeiten, kämpfen, forschen, schaffen wir noch? Wenn der Sinn des Lebens nicht der ist, es erstens zu meistern und zweitens etwas geistig Höheres für kommende Generationen zu hinterlassen, dann brauchen wir überhaupt nicht zu leben, ein einfaches Dahinkonsumieren würde vollends genügen.
Ist es nicht bemerkenswert, daß wir uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens vor allem immer dann stellen, wenn aus heiterem Himmel die Schicksalsschläge niederfahren und uns fast bewußtlos schlagen, wenn die anscheinend nicht zu bewältigenden Alltagssorgen unsere Arbeitskraft lähmen, wenn tiefer seelischer Schmerz, zum Beispiel Liebeskummer oder Trauer, uns unsere Lebensfreude nimmt? Viele flüchten in einem solch desolaten Zustand in die Religion. Oder in Drogen, wobei das für viele ein und dasselbe ist. Andere, die nicht in den oberflächlichen Rausch fliehen, nicht vor dem Druck von außen brechen, machen sich Gedanken und besinnen sich auf ihr Selbstwertgefühl und ihre Wurzeln.
Ich gebe zu, deutscher Idealist im klassischen Sinne zu sein. Die materialistische Dialektik gibt mir nichts. Das eigenverantwortliche Tun, Treue, Gemeinschaftssinn und Vaterlandsliebe empfinde ich als Kern meiner Weltanschauung. Das Motto Sauf dich voll und freß dich dick, und halt das Maul von Politik mag für viele Zeitgenossen der leichtere und angenehmere Weg sein, das Leben zu bestreiten. Das Leben - wie es Siegfried Lenz mir gegenüber einmal ausgedrückt hat - plätschert dann halt so vor sich hin. Nirgends anecken, bloß nicht auffallen, keine Position einnehmen, vor allem keine, die der gängigen Lehrmeinung widerspricht, andere für sich denken lassen - ich bin mir hierfür zu schade. Sie, verehrte Leser, auch? Dann wissen wir ja, wofür wir leben.
© Euro-Kurier, Nr. 1/2005
Zur detaillierten Vertiefung des Themas:
Claus Nordbruch, Der Angriff, Klappenbr., viele Abb., 444 Seiten, 19,80 €
Claus Nordbruch (Hrsg.), Kreuzschmerzen.
Standpunkte und Bekenntnisse von Heiden und Ketzern, br., 244 Seiten, 14,80 €