Die Parole von der Gleichheit der Menschen ist bereits zu Zeiten der Französischen Revolution widerlegbar gewesen. Schon eine oberflächliche Untersuchung verdeutlicht, daß sich Völker als gewachsene Kulturen nicht zuletzt in ihrer Sprachen und der hieraus abzuleitenden Geisteskraft vehement voneinander unterscheiden.
Der Lehre des französischen Metaphysikers und Philosophen René Descartes zufolge ist das Bewußtsein, das gerade das Denken und die Fähigkeit, das Denken für sinnvolle Tätigkeiten zu nutzen, das ausschlaggebende Attribut, welches den Menschen sowohl vom Tier als auch von der Maschine unterscheidet und auszeichnet. Tiere könnten laut Descartes nicht denken, da ihre Empfindungen und ihre Bewegungen rein mechanischen Gesetzen folgen würden. Sinnliche Wahrnehmungen haben für Descartes nicht denselben Stellenwert wie Einsichten, die man allein durch Denken gewinnen könne. Der Mensch wäre ohne den Geist nichts anderes als ein Automat.[1] Tatsächlich ist die Sprache ist das Fundament des Denkens, also Voraussetzung für die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens und damit die Wiege aller Geisteskraft.
Den meisten afrikanischen Eingeborenensprachen und anderen Sprachen sogenannter Naturvölker fehlen abstrakte, Zeit und Raum beschreibende Begriffe. Eine Schriftsprache hat sich unter vielen dieser Kulturen nicht aus eigener Kraft entwickelt, sondern wurde erst von fremden Kulturen mit höher entwickelten Sprachen geschaffen. Selbst der große Reichtum an Äußerlichkeiten wie Pyramiden, Tempel oder kostbarer Schmuck läßt keine Rückschlüsse auf die Entwicklungsstufe der Sprache zu. Oftmals ist sie gerade bei Kulturen, denen die Errichtung großartiger architektonischer Bauwerke zugeschrieben werden, arm, oder wie es der deutsche Literaturwissenschaftler Hermann Kluge nannte, ›unvollkommen‹ geblieben. Hierzu zählen beispielsweise die Sprachen derjenigen Völker, in deren Kulturkreise sich die Scharrbilder (Geoglyphen) in der Wüste bei Nazca und Palpa in Peru, die Zimbabwe-Ruinen bei Khami im Süden des ehemaligen Rhodesiens oder die Steingiganten auf der Osterinsel im Pazifik befinden. Zu den unvollkommenen Sprachen zählen all diejenigen, die nur aus einsilbigen unveränderlichen Wurzeln bestehen. Darunter gehört selbst das Chinesische, welches keine Wortbeugung, also weder Deklination noch Konjugation, kennt, und damit eine im sprachwissenschaftlichen Sinne arme Sprache ist, obgleich es freilich außer Frage steht, daß China sich längst zu einer wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt hat. Um so mehr überrascht es, daß im Chinesischen kein Unterscheid zwischen Hauptwort und Zeitwort getroffen wird. Aus der Stellung im Satz und aus dem Sinn des gesamten Textes muß die Bedeutung des Wortes erschlossen werden. Zur Kategorie der unvollkommenen Sprachen zählen weiters das Birmanische, Siamesische, Anamitische und viele afrikanische Sprachen, zum Beispiel die Namaqua-Sprache. Aber auch der Sprachbau bei den tungusischen, mongolischen, türkischen und finnischen Völkern, sowie das Japanische und Baskische und die Dialekte der Malayen, Polynesier, Tibetaner und Lappländer beschränken sich fast ausschließlich auf Suffixe. Die ural-altaischen Sprachen begnügen sich gar damit, Lautgruppen gewissermaßen aneinander zu löten, wissenschaftlich Agglutination genannt.
Von den vorgenannten Sprachen heben sich die flektierenden Sprachen deutlich ab. Zu ihnen gehören die semitischen und indogermanischen Sprachen. Ihnen ist gemein, daß Endsilben den Numerus und Kasus bezeichnen.[2] Zu den sprachgeschichtlich höher stehenden, semitischen Sprachen zählt das Arabische und Äthiopische ebenso gehört wie das Hebräische, Syrische, Chaldäische, Phönizische, Assyrische, Aramäische und Babylonische. Charakteristisch sind unter anderem der Reichtum an Kehl- und emphatischen (am Gaumen gebildeten) Lauten, dreikonsonantische Wurzeln, aus denen durch vokalische Veränderungen und Prä-, In- und Suffixe Nomina und Verben gebildet werden, ferner die Konsonantenschrift ohne Vokalbezeichnung.[3]
Als vollkommen sind die Sprachen der Indogermanen, treffender wäre die Bezeichnung Indoeuropäer, anzusehen. Die indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachen bestehen aus dem Indischen (Sanskrit, Pali, Prakrit) und Persischen (Altbaktrisch, Zendsprache), den germanischen, keltischen, slawischen und romanischen Sprachen sowie dem Griechischen und Baltischen (Lettischen). Sie heben sich von allen übrigen Sprachen deutlich ab, sind sie doch die einzigen Sprachen, die Haupt- und Zeitwörter deklinieren und konjugieren. Die Sprache der Indogermanen allein, so der bedeutende deutsche Literaturwissenschaftler Waldemar Oehlke, »würde schon als Beweis für die überragende geistige Kraft dieses Urvolkes genügen«. Nur sie allein könnten mit René Descartes folgern: Ich denke, also bin ich.[4]
Von den indoeuropäischen Sprachen lassen sich wiederum die germanischen hervorheben. Auf dem Gebiet der Formenlehre (Verlust des Ablativs und Lokativs, der Augmenttempora, des eigentlichen Futurums und des Konjunktivs), der Lautlehre durch die Verlegung des Akzents auf die Stammsilbe und durch das 1822 von Jakob Grimm entdeckte Gesetz der Lautverschiebung unterscheiden sie sich signifikant von ihren indogermanischen Verwandten.
Der Begriff ›deutsch‹ und die deutsche Sprache
Aufgrund des gewaltigen Einflusses der Kirche war Lesen und Schreiben im frühesten Mittelalter meist nur Geistlichen, welche sich der lateinischen Bildungssprache bedienten, geläufig. Das Volk bediente sich der jeweiligen Sprache, die seit jeher von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Aus diesem Bewußtsein heraus entstammt das Wort deutsch.[5] ›Deutsch‹ ist vom Lateinischen theodisce (dem Gotischen thiudisko) abgeleitet, das heimisch oder volkstümlich bedeutet. Im Althochdeutschen wurde es zu diutisc, im Mittelhochdeutschen zu diutsch. ›Deutsch‹ bedeutet also die ›Sprache des Volkes‹ – im Gegensatz zur Sprache der Geistlichen (Latein). Erst im späteren Verlauf der Geschichte wurde ›deutsch‹ langsam auch als Bezeichnung einer völkischen Gemeinschaft und eines Staates verstanden. Noch heute läßt sich in anderen Sprachen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ›deutsch‹ herauslesen: im Italienischen heißt deutsch tedesco, im Niederländischen duitsch, im Afrikaansen Duits und im Skandinavischen tysk.
»Deutsche« schriftliche Zeugnisse aus vorchristlicher Zeit sind selten und begrenzen sich meistens auf Sprüche oder Beschwörungsformeln. Das einzige in althochdeutscher Sprache überlieferte Heldenlied ist das Hildebrandlied. Das gewaltigste Erbe germanischer Dichtkunst ist die erst 1643 auf Island gefundene Sammlung von Götter- und Heldenliedern, die Edda. Auch wenn sie wohl im 11. oder 12. Jahrhundert von nordischen Skalden, die bereits vom Christentum beeinflußt waren, verfaßt worden sein mag, so stellt die Edda doch die hervorragende Quelle germanischen Wesens schlechthin dar, in der Reste noch germanischer Urpoesie zu finden sind.
Die älteste Form des Deutschen ist die althochdeutsche Sprache, die allerdings keine einheitliche Sprache war, sondern aus verschiedenen Mundarten bestand. So sind die frühesten Schriften in entsprechenden Dialekten abgefaßt, beispielsweise das Wessobrunner Gebet in bayrisch, die Schriften des Mönches Notker von St. Gallen auf alemannisch, das Evangelienbuch Otfrieds von Weißenburg im Elsaß auf rheinfränkisch, die besagten Merseburger Zaubersprüche auf thüringisch und der Heliand auf altsächsisch. Stark gefördert wurde die Volkssprache von dem karolingischen König des Frankenreiches, Karl dem Großen (Sachsenschlächter), obgleich seine Antriebskraft sein Traum vom Imperium christianium gewesen sein dürfte, gemäß dem Motto »Warum sollen die Franken allein davon ablasen, auf fränkisch das Lob Gottes zu singen?«[6] Karl verstand sich als Augustus Imperator Renovati Imperii Romani (Kaiser des erneuerten Römischen Reiches), als direkter Nachfolger der römischen Kaiser und damit als Schutzherr Roms und der katholischen Kirche. Die Einheit von Kirche und Reich wurde zur Staatsdoktrin. 800 wurde Karl vom Papst zum Kaiser gekrönt. Man könnte annehmen, daß unter seiner Herrschaft der Siegeszug des Lateinischen fortgeführt worden wäre. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. 801 nahm Karl auf lombardischem Boden für sich in Anspruch theodisce zu sprechen und hob damit seine Sprache, die im karolingischen Reich gesprochen wurde,[7] von der romanischen deutlich ab.[8] Er ließ die überlieferten germanischen/volkstümlichen Heldenlieder, in welchen die Taten und Kriege alter Könige besungen wurden, aufschreiben; jedoch gilt diese Sammlung bis heute als verschollen.
Mit der Abschwächung der vollen Vokale in den Flexionssilben zu ›e‹, die um 1150 eintrat, beginnt die Sprachperiode des Mittelhochdeutschen, in der sich neue deutsche Dialekte entwickeln und durchsetzen. Zu ihnen zählen das Thüringische, Obersächsische und Schlesische. Die mittelhochdeutsche Zeit war vom Rittertum beherrscht, was sich umgehend im Schrifttum niederschlug. Die Ritter, während der Kreuzzüge zu Ruhm gelangt, und die Höfe der Fürsten traten in den Mittelpunkt des geselligen Lebens. Sie lösten die in der althochdeutschen Zeit als Pflegstätten der Kultur führenden Klöster ab. Dichtungen entstanden von nun an nicht mehr in den abgeschirmten, dunklen Gemäuern der Klöster, sondern weitgehend auf den Fahrten ritterlichen Abenteuers. Träger dieser Dichtkunst waren die fahrenden Sänger. Unter Kaiser Friedrich Barbarossa (1152-1190) erlebte diese Kunst ihre Blütezeit: »Rein deutsch sind die beiden großen Heldenlieder, deren Dichter wir nicht kennen, das Nibelungenlied und die Gudrun, ebenso wie die lyrischen und politischen Gedichte der Tiroler Sängers Walther von der Vogelweide. Französische, italienische und besonders morgenländische Einflüsse infolge de internationaler Beziehungen des Rittertums weist dagegen die an den Fürstenhöfen heimische epische Dichtung auf, die die Welt des Rittertums widerspiegelt.«[9] Dies gilt ganz besonders für das bedeutendste höfische Werk, der Parzival des Franken Wolfram von Eschenbach, in dem der Dichter die Gralssage um König Artus und seiner Tafelrunde gestaltet.
Dennoch! Noch um 1500 wurden fast alle Bücher in der Mundart der betreffenden Landschaft gedruckt und daher in der Regel auch nur dort verstanden. Erst von der Erfindung der Buchdruckes durch Johannes Gutenberg (um 1450) und der Übersetzung der Bibel durch Martin Luther (1522) entscheidend begünstigt, trat über die vielen deutschen Mundarten nun eine einheitliche Sprache, die von allen Deutschen gelesen und verstanden werden konnte, die neuhochdeutsche Schriftsprache, die bereits deutliche Verwandtschaften zu dem heute gesprochenen Deutsch aufweist.
Geisteskraft wird aus der ›Symbiose‹ von Sprache und Denken geboren
Nur mittels der Sprache und der hieran direkt verbundenen Fähigkeit zu denken, kann eine Nation geistig wirken. Der schriftliche Kulturschatz unserer Nation ist ein Fanal deutschen Geistes und nicht zuletzt des deutschen Gemütes. Das Schrifttum, also alle in Sprache und Schrift niedergelegten Geisteswerke, bilden diesen unermeßlichen Schatz, der die unserem Volke eigentümliche Anschauung, Gesinnung und Sitte widerspiegeln. Zu diesen Geisteserzeugnissen zählen nicht nur die Nationalliteratur im Sinne schöngeistigen Schrifttums oder dichterischer Kunstwerke, sondern auch alle gelehrte und wissenschaftliche Literatur.[10]
Nicht jedes Volk kann auf eine ähnlich gewaltige Schaffensleistung verweisen wie die deutsche Nation. Die deutsche Nation hat in den vergangenen Jahrhunderten auf dem Gebiet des Geistes, also Dichtung, Philosophie und Wissenschaft, geradezu Wesentliches, Unvergängliches und selbst Unvergleichbares geschaffen. Obgleich wir in der deutschen Geschichte auch immer wieder auf Perioden stoßen, in denen das ganze Volk, zumindest aber einige Stände, in geistiger Knechtschaft zu verfallen scheint, bleibt, um mit den Worten des hervorragenden deutschen Literaturwissenschaftlers Adolf Bartels zu sprechen, »der alte tapfere, freie Sinn, bleibt der ehrliche Deutsche, dem alle Konvention im Grunde verhaßt ist, bleiben die tiefen Naturen, bleiben die großen und starken Geister, die zur rechten Stunde ihr ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders!‹ sprechen.«[11] So sind es die bedeutenden Vertreter eines Volkes, die echte geistige Werte schaffen und nicht die Vertreter einer Modeerscheinung, nicht die Opportunisten des Zeitgeist, nicht die Apologeten einer Scheinkunst! Martin Luther, Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Reichskanzler Otto von Bismarck - »das sind die vier größten Deutschen, jeder ein Gipfel auf seinem besonderen, dem religiösen, philosophischen und ethischen, ästhetischen und politischen Gebiete, jeder die Welt außen und innen verändernd«, nicht im umstürzlerischen, sondern - und das ist das Wesentliche! - im schaffenden Sinn. »Es fragt sich doch, ob irgendeine andere Nation diesen Vieren gleichbedeutende Männer gegenüberstellen kann«, stellt Bartels zur Diskussion.[12]
An dem kosmischen Auftrag der Deutschen ändert der seit Jahrzehnten vorherrschende Zeitgeist nichts. Er wird sich, ähnlich wie seine Vorgänger in der zweitausendjährigen Geschichte unserer Nation, als eine Periode dekadenter Vergänglichkeit erweisen. Um es mit den Worten Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auszudrücken: Die übergeordnete Aufgabe der Deutschen ist noch nicht erfüllt und wird in Zukunft keine andere sein, als sie seit Jahrtausenden gewesen ist, namentlich »ein Hüter zu sein unter den Völkern für Zucht und für Sitte, für Gerechtigkeit und für Hingebung, für Dichtung und Wissenschaft in ihrer stillen Innerlichkeit.«[13] Modern ausgedrückt, ist die metaphysische Aufgabe der Deutschen, die geistige Kraft gegen die Minusseele zu sein, die im Begriff ist, die ganze Welt zu erfassen und zu vernichten. Diese gewaltige Aufgabe kann nur durch Anwendung der einzigartigen Geisteskraft der Deutschen bewältigt werden.
Dr. Claus Nordbruch
[1] Vgl. http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za146/barock/descarte.htm
[2] Vgl. Hermann Kluge, Geschichte der deutschen National-Literatur, Altenburg 551929, S. 1
[3] Vgl. http://lexikon.meyers.de/meyers/Semitische_Sprachen
[4] Waldemar Oehlke, Geschichte der deutschen Literatur, Bielefeld und Leipzig 21923, S. 17.
[5] Vgl. Fritz Treuheit, Deutsche Sprachkunde, Bamberg 31972, S. 15.
[6] Peter von Polenz, Geschichte der deutschen Sprache, Berlin 1978, S. 37.
[7] Willy Grabert (u.a.), Geschichte der deutschen Literatur, München 231988, S. 13.
[8] Adolf Bach, Geschichte der deutschen Sprache, Wiesbaden 1985, S. 98.
[9] Fritz Treuheit, aaO., S. 16.
[10] Vgl. Hermann Kluge, Geschichte der deutschen National-Literatur, Altenburg 551929, S. 1.
[11] Adolf Bartels, Geschichte der deutschen Literatur, Braunschweig 161937, S. 3f.
[12] Ebenda.
[13] A. F. C. Bilmar, Geschichte der deutschen National-Literatur, Marburg und Leipzig 141871, S. VI.