Unterschiedliche Wellenlänge

Diskrepanz zwischen Auslandsdeutschen und Bundesdeutschen
am Beispiel der Deutschen Schule Pretoria

Deutsche im Ausland haben grundlegend am Aufbau und zur Entwicklung ihrer jeweiligen Wahlheimat beigetragen. Dies gilt für die USA ebenso wie für viele Gebiete Osteuropas. Erst recht trifft dies auf die ehemaligen deutschen Schutzgebiete zu, allen voran Südwestafrika. Diese Tatsache gilt aber auch für Südafrika, das bereits mit der Ankunft Jan van Riebeecks 1652 von Deutschen besiedelt worden war. Heute leben in Südafrika nicht weniger als 1,5 Millionen deutschstämmige Südafrikaner, von denen zwar nur mehr ein Bruchteil deutsch spricht, die aber doch maßgeblich dazu beigetragen haben, daß in Afrika ein in wirtschaftlicher, infrastruktureller und wissenschaftlicher Hinsicht blühendes Land entstehen konnte. Immerhin pflegen noch etwa eine viertel Million Südafrikaner Deutsch als ihre Muttersprache, eine weitere halbe Million spricht deutsch als Fremdsprache. Verständlich, daß es viele Schulen gibt, an denen Deutsch Unterrichtssprache ist und es deshalb zu vielen Berührungspunkten zwischen der eingesessenen deutschen Bevölkerung und den bundesdeutschen Zugereisten und Zeitarbeitnehmern kommt.

Grund genug, einmal kritisch dieses Verhältnis zueinander zu untersuchen - zumal die immer nur für wenige Jahre in Südafrika lebenden Bundesdeutschen großen Einfluß auf fast alle Gremien der hiesigen deutschen Gemeinschaft ausüben und im Vergleich zu ihrer Quantität meist überrepräsentiert in den Vorständen sitzen - wo sie ihren zweifelsohne politisch korrekten Einfluß ausüben, der aber nicht unbedingt im Einvernehmen mit der einheimischen deutschen Bevölkerung stehen muß, wie am Beispiel der Deutschen Schule Pretoria (DSP) belegt werden kann.

Die Gründung der DSP geht auf die Initiative der Geistlichen Friedrich Grünberger und Friedrich Klinkenberg im 19. Jahrhundert zurück. Die Deutsche Schule Pretoria, die 1899 ins Leben gerufen worden ist, versteht sich, ihrer Satzung zufolge, als »eine Privatschule, die die Förderung der Kenntnis der deutschen Sprache und die Erziehung auf christlicher Grundlage zur wesentlichen Aufgabe hat«, wobei der »Pflege des südafrikanischen und deutschen Kulturgutes« eine »besondere Bedeutung« zukomme.

Die Deutsche Schule Pretoria ist, wie alle anderen Schulen auch, die von der Bundesregierung finanziell bezuschußt werden, eine »integrierte Begegnungsschule«. Das bedeutet, daß nicht nur deutsche (österreichische und schweizerische) Kinder, sondern auch fremdsprachige Schüler aufgenommen werden, so daß es derzeit etwa 300 Kinder gibt, deren Haussprache beispielsweise Englisch, Afrikaans, isiZulu, Sesotho, Setswana, siSwati, Sepedi oder Xitsonga ist. Kinder aus »sozial benachteiligten Gebieten«, also aus schwarzen Wohngebieten, werden zum größten Teil »aus deutschen Fördertöpfen« unterstützt. Eine Zulassung von diesen Kindern mit ausreichenden Sprachkenntnissen könne der Zugang zur Stammschule, also deutsch als Muttersprache gewährt werden, »sofern dadurch der deutsche Charakter und das Niveau der Schule nicht beeinträchtigt werden«. Die Zulassung geschehe ungeachtet der Staatsangehörigkeit, Herkunft oder Konfession. Seit 2001 ist die französische Schule Miriam Makeba auf dem Schulgelände der DSP integriert, was von der Schulleitung als Verwirklichung des »europäischen Traums vom Eurocampus« glorifiziert wird.

Mitte März 2002 fand die Mitgliederhauptversammlung des Schulvereins statt, der seit 1929 in rechtlicher Hinsicht als Träger der Schule fungiert. Neben den sonst eher langweiligen bürokratischen Routinevorgängen, wie die Ratifizierung des Protokolls der Jahreshauptversammlung vom vergangenen Jahr, die Annahme diverser Berichte oder die Entlastung des Vorstandes, gab es dieses Jahr jedoch einen unverhofften Höhepunkt, der einmal mehr die grundlegend unterschiedliche politische und weltanschauliche Wellenlänge zwischen Bundesdeutschen und einheimischen Deutschen bestätigt.

Dem auf der Versammlung vorgestellten Jahresbericht 2001 des amtierenden Schulleiters Andreas Uhlig ist unter anderem zu entnehmen, daß durch die beabsichtigte Neuregelung zur Unterrichtssprache der südafrikanischen Regierung, die ausschließlich englisch begünstigt, »die Qualität des Deutsch noch weiter sinken« wird. Tatsächlich dürften bereits durch die realisierte multikulturelle Situation sowohl die Unterrichtsvoraussetzungen für die Lehrer als auch die Lernmöglichkleiten für die Schüler längst begrenzt worden sein: Ein berufserfahrener und einheimischer Lehrer fand den Mut vor der Versammlung zu erklären, daß er in Klassen unterrichten müsse, in denen es Kinder gebe, die kein deutsch verstünden. Die darauf vom Vorstand vorgebrachte Erwiderung, dies müsse man prüfen, deutet wenigstens daraufhin, daß es - gelinde ausgedrückt - zwei Welten an der Schule gibt: Die vom Vorstand aus politisch korrekten Gründen verordnete und abgehobene Sichtweise und die von der Basis als real erkannte. Nächstes Jahr, so der Erste Vorsitzende Walter Johannes, würde man »zurückberichten«, womit sicherlich gemeint war, Rechenschaft abzulegen. Man darf schon jetzt gespannt sein, ob dieser grundlegende Mangel vom von bundesdeutschen Mitgliedern dominierten Vorstand 2003 erkannt oder der Einwand als »rechtsradikal« disqualifiziert und ad acta gelegt wird. Zu allem Überfluß sollen bis zum Halbjahr 2002 die Lehrpläne »reformiert« werden, das heißt, man wolle »den Begegnungscharakter durch das verstärkte Einbringen von lokalen Elementen deutlicher hervorheben und moderne Lehrmethoden darin verankern«. Was ist darunter zu verstehen? Doch ganz offensichtlich das, was die Genossen der regierenden Koalition aus ANC und Kommunistischer Partei als »Curiculum 2005« bezeichnen. Dieses neue System sehe die Implementierung eines neues Bildungswesens auf der Basis »afrikanischer Prinzipien« vor: mit Musik im Klassenzimmer und mehr »sozialen Kontakten« anstelle des »europäischen Leistungsprinzips«.

Dem Jahresbericht des Schulleiters ist weiters zu entnehmen, daß »unsere Holocaust-Gedenkfeier mit großer Ausstellung im Foyer« eine »ganz ergreifende Veranstaltung« gewesen sei. Bei dieser Gelegenheit hielt der offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Südafrika, der Präsident des Pretoria Council of the South African Jewish Board of Deputies (wörtlich: Rat des Südafrikanischen Jüdischen Vorstandes der Abgeordneten) eine Rede. Übrigens: Eine Veranstaltung zum Thema Vertreibung und Verschleppung deutscher Menschen lehnte der Schulleiter unter anderem mit der Begründung ab, daß ein solches Thema »unangemessen« sei, da dies einem »Vergleichen (und damit Bagatellisieren) der Judenvernichtung mit Kriegsrechtsverletzungen der Alliierten« gleichkäme. Er betrachte die Verweigerung eines solchen Vortrages ausdrücklich als »Schutz« der ihm »anvertrauten Kinder vor unausgewogener Geschichtsdarstellung« (sic!). Die oben genannten reformatorischen Errungenschaften und dem Zeitgeist entsprechenden Veranstaltungen können sich indes nicht ungeteilter Zustimmung erfreuen. Zugegebenermaßen werden sie vor allem von einheimischen Deutschen abgelehnt.

Das kontinuierliche Absinken der Anzahl der Schüler - 1999 gab es noch 811 Schüler an der Deutschen Schule Pretoria, 2000 sackte die Zahl auf 785, 2001 auf 744 und dieses Jahr schließlich auf 718 ab - habe man sich den Schlußfolgerungen des Vorstandes zufolge freilich keineswegs selbst zuzuschreiben, sondern beruhe »vor allem auf der Rückkehr deutscher Expertenkinder nach Deutschland«. Tatsächlich? Würde bedeuten, BASF, Bayer, Siemens, Mercedes und BMW schickten seit einigen Jahren nur mehr kinderlose Fachkräfte nach Südafrika. Könnte es nicht eher sein, daß der ausschlaggebende Grund für den allgemeinen Niedergang und die anhaltende Abwanderung im zunehmenden Qualitätsverlust und zwar sowohl in menschlicher als auch pädagogischer Hinsicht begründet liegt?

Zu heftiger Kritik kam es während der Sitzung, als über Äußerungen diskutiert wurde, die Schulleiter Uhlig vergangenes Jahr deutschen Zeitungen gegenüber gemacht habe. Bereits im Vorfeld sah sich Uhlig gezwungen, in seinem Jahresbericht einzuräumen: »Leider erlitt das Verhältnis zwischen mir und der Schulgemeinde einen großen Dämpfer durch einen Zeitungsartikel in der Ulmer Presse. In diesem Artikel werden mir Äußerungen unterstellt, die ich nicht gemacht habe.« Welche Äußerungen sollten dies gewesen sein? Daß es für ihn eine »faszinierende Aufgabe« sei, eine Schule zu leiten, die von 180 schwarzen Schülern besucht würde? Daß eine integrierte Begegnungsschule »im Geiste Adenauers und Charles de Gaulle« (und Nelson Mandelas) stünde? Die Erklärung, daß südafrikanische Eltern »zum Teil sehr konservativ« eingestellt seien und man sie »überzeugen« müsse, »daß Zusammenarbeit Vorteile hat«? Diese Äußerungen mögen zwar nicht vor geistiger Schärfe strotzen, aber ein Affront sind sie deshalb noch nicht. Um so fragwürdiger die darauf folgende Stellungnahme Uhligs: »Die Äußerungen des Reporters beruhen wohl auf seinen eigenen Vorstellungen, die er auf einer Reise durch das südliche Afrika erworben hat. Ich bedaure dies zutiefst, doch das ist nicht der erste Fall, in dem journalistische Freiheiten zu großen Mißstimmungen führten.« Wohl wahr, aber sind denn die zitierten Äußerungen wirklich derart verfänglich, daß man sich von ihnen distanzieren müßte? Wohl kaum. Sollten etwa Gewissensbisse Herrn Uhlig einen Streich gespielt haben? Immerhin hatte er einen zweiten, wesentlich widerlicheren Artikel, in der Südwest Presse (Ulm) unter der bezeichnenden Überschrift »Waffengewalt und Deutschtümelei« veröffentlicht, geflissentlich verschwiegen und nicht als Facsimile seinem Jahresbericht angefügt. In diesem von einer Magdi Aboul-Kheir verfaßten Artikel wird Uhlig unter anderem zitiert, daß die Deutschen (in Südafrika bzw. Pretoria) eine »enorm heterogene Gruppe« seien. »Da wären«, so heißt es weiter, »zum einen die Familien, die vor mehr als einem Jahrhundert aus Deutschland ausgewandert sind und dem Weltbild jener Zeit anhängen. ›Deutschtümler‹, sagt Uhlig. ›Gestrige‹«. Eine ebenso arrogante wie üble Nachrede, die durch die pauschalisierende Behauptung noch verstärkt wird, daß die »Deutschtümelnden« die schwarzen Schüler ablehnten und sich offen rassistisch äußerten. In welcher Welt lebt Andreas Uhlig eigentlich? Auch wenn er sich während der Sitzung von diesen verunglimpfenden Äußerungen formell distanziert hat, so besteht doch kein Zweifel daran, wessen Geistes Kind Herr Uhlig ist. Wenn die diskreditierenden Bemerkungen tatsächlich nicht seiner Meinung entsprächen, hätte ihm daran gelegen, eine - in solchen Fällen übliche - Gegendarstellung in der Zeitung zu verlangen und zu veröffentlichen. Und zwar umgehend. Dies ist freilich nicht geschehen.

Anläßlich des Besuches von Johannes Rau in Südafrika im Januar 2002 wurde der Bundespräsident vom Schriftleiter des in Pretoria erscheinenden Wochenblattes Der Südafrika-Deutsche gebeten, die herabwürdigende Bezeichnung einheimischer Deutscher zu verurteilen. Eine Stellungnahme aus dem Bundespräsidialamt liegt derzeit noch nicht vor. Es ist allerdings auch fraglich, ob das langjährige Ehrenmitglied des ANC Rau hier überhaupt Handlungsbedarf sieht. Zu Beginn des kommenden Jahres wird Herr Uhlig jedenfalls in seine baden-württembergische Heimat zurückkehren und seine »wertvollen Erkenntnisse« an einem voraussichtlich Ulmer Gymnasium weitergeben. Die Schüler dürfen sich freuen. Die Erkenntnisse des promovierten Pädagogen zeugen wahrlich von bemerkenswert tiefer Einsicht: Ein Land könne man nur kennenlernen, wenn man dort auch arbeite, wußte Uhlig der Presse gegenüber zu erklären. Dieser philosophische Weitblick manifestiert sich in seiner Erfahrung, daß man in Südafrika schöner wohne, mehr Platz habe und darin, daß man »alles kaufen« könne.

Eine tragikomische Bemerkung zum Schluß: Gemäß der Satzung des Deutschen Schulvereins Pretoria können Mitglieder durch den Vorstand ausgeschlossen werden, wenn sie »durch ihr Verhalten das Ansehen oder die Interessen des Vereins schädigen«. Von einer Schädigung des Ansehens und der Interessen der einheimischen deutschen Bevölkerung steht nichts geschrieben. Aber selbst wenn, was würde das schon ändern? Die vereidigten Volksvertreter der Bundesregierung schwören ja auch den Nutzen des Deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden.

 

© Dr. Claus Nordbruch