Deutschland in Geschichte und Gegenwart im Gespräch mit Dr. Claus Nordbruch über dessen neuestes Buch ›Judenfragen‹, in dem er sehr tiefsinnige – und bisweilen überraschende – Thesen und Antworten vorlegt, mit denen eine Diskussion ungeheuren Ausmaßes losgetreten werden dürfte.
DGG: Herr Dr. Nordbruch, nach etwas längerer Zeit haben Sie nun wieder ein neues, stattliches Sachbuch vorgelegt. Mit welcher Problematik setzen Sie sich diesmal auseinander?
Ich bin in der letzten Zeit nicht untätig gewesen. Außer auf drei erweiterte Neuauflagen (Kreuzschmerzen, Der deutsche Aderlaß und Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika?) und auf meine umfangreichen Beiträge in dem zweibändigen Nachschlagewerk Der Große Wendig, habe ich mich fast drei Jahre auf sehr schwierige Projekte konzentriert. Aus diesem Grunde war ich zwecks Recherchen viele Monate in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Österreich unterwegs gewesen.
In dem jetzt erschienenen Buch mit dem bewußt gewählten, zweideutigen Titel ›Judenfragen‹ behandle ich die jüdische Problematik, die mehrere tausend Jahre alt ist. Im Mittelpunkt dieser Studie stehen die beiden antagonistischen Kräfte Judäophobie und ›Semitismus‹, die in der Weltgeschichte eine geradezu maßgebliche Rolle gespielt haben und sie bis zum heutigen Tag spielen. Gegenwärtig vielleicht sogar mehr denn je. Ich habe es als unerläßlich betrachtet, sich mit dem jüdischen Selbstverständnis aufgeschlossen auseinanderzusetzen und außer den Verfechtern des Judentums bzw. des Mosaismus, des Zionismus und der israelischen Politik auch ihre jüdischen Gegner und Kritiker zu Wort kommen zu lassen. Frei von jeder Dogmatik und ohne Berührungsängste habe ich versucht, auf wissenschaftliche Weise zu neuen, das heißt umfassenderen Schlüssen zu gelangen, als das bislang im Schrifttum geschehen ist. Dem Leser wird hier ein Einblick in die unsagbar vielfältigen Gesichtspunkte, Meinungen und Überzeugungen innerhalb des Judentums bzw. der Judenheit eröffnet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung jüdischer Verdienste und hervorragender Leistungen von Juden – ein Aspekt, der in Kritiken oftmals viel zu kurz kommt. Ich will meine Leser zu differenziertem Denken animieren.
DGG: Welche Aspekte im deutsch-jüdischen Verhältnis behandeln Sie in diesem Werk?
Zum einen lege ich sehr detailliert die an der Tagesordnung liegende philosemitische Praxis in der bundesdeutschen und österreichischen Politik dar, oder anders ausgedrückt: das unreflektierte Durchsetzen jüdischer und zionistischer Interessen durch nichtjüdische Politiker. Diese Politik stößt im Medienbetrieb zusehends auf harsche Kritik, die auf geistig-politischer Weise vor allem von jüdischen Intellektuellen aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch verstärkt in Israel und den USA, vorgetragen wird. Zum zweiten belege ich die grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschem Judentum und dem Weltjudentum. Die Diskrepanz zwischen deutschen Juden und den Vertretern des Weltjudentums konnte in der Geschichte nicht größer sein als sie es in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen war. Hier wie dort wurde im Namen jüdischer Organisationen oder gar im Namen der jüdischen Gesamtheit gesprochen. Gegen diese Anmaßung hatten sich jüdische Intellektuelle bereits unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg aufgelehnt. Der Rabbiner J. Freund beispielsweise traf diese gerade für meine Untersuchung so wichtige Unterscheidung auf einer Wahlveranstaltung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) am 13. Januar 1919 in Berlin: »Wir betrachten es als unseren Fluch, daß so viele Namen von Männern, die nicht zu uns gehören, uns an die Rockschöße geheftet werden. Wir haben mit diesen Männern als Juden nichts gemein; sie sind unsere Feinde mehr, wie sie Ihre Feinde sind; sie haben sich aus unserer Mitte herausgestohlen, und wir wollen sie nicht unter uns haben; wir wollen aber auch nicht, daß man uns immer und immer wieder diejenigen zum Vorwurf macht, die von uns nichts wissen wollen und mit denen wir nichts zu tun haben wollen, weil eine Welt und ein Abgrund uns von ihnen trennt«. Der ›Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau‹ bestätigte diese Kluft 14 Jahre später und erklärte am 1. August 1933 in einem Schreiben an die Reichskanzlei kurz und bündig: »Niemals war das deutsche Judentum mit verantwortlich für das Verhalten der Juden anderer Länder«. Auch heute finden wir diese grundlegenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Judentums. Sie beziehen sich gegenwärtig allerdings weniger auf unterschiedliche Meinungen zwischen deutschen Judentum und Weltjudentum, sondern vor allem auf grundsätzliche Ansichten innerhalb des gesamten organisierten Judentums: Zionisten auf der einen Seite, Antizionisten auf der anderen; ein weiterer Aspekt ist der vielfältige Unterschied zwischen Sephardim und Aschkenazim.
DGG: Läuft man als nichtjüdischer Autor nicht Gefahr, bei so einem brisanten Thema sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen?
Ich wäre überrascht, wenn von einschlägiger Seite dieser nicht gerade geistreiche Vorwurf vergessen würde! Ich darf einmal generell feststellen: Wenn ich für ein neues Buch recherchiere und dieses nach Abschluß entsprechender Forschung vorlege, ist es mir vollkommen gleichgültig, was mir ein die Interessen der bundesdeutschen Altparteien schützender ›Verfassungsschutz‹ oder die dem System ergebenen ›antifaschistischen‹ Hilfswilligen oder die hierzulande wie gleichgeschaltet agierenden Massenmedien oder sonstwer aus den erarbeiteten Ergebnissen unterstellen mögen. Ich habe mir für meine bislang vorgelegten Bücher die Worte des jüdischen Historikers Norton Mezvinsky zu eigen gemacht, der in seinem Vorwort zu dem gemeinsam mit Israel Shahak verfaßten Grundsatzwerk Jewish Fundamentalism in Israel (2004) nüchtern feststellte, daß gleichgültig, was Personen oder Gruppen mit den Ergebnissen anstellen, dies ihn niemals davon abhalten könne, weiter zu forschen und Ergebnisse zu veröffentlichen, auch wenn sie dem Mainstream widersprechen sollten. Ich bin von diesem Prinzip auch hier nicht abgewichen.
DGG: Welche Reaktion erwarten Sie von Ihren Gegnern?
Die ist immer die gleiche. Bezeichnend dürften ihre wenig originellen Versuche sein, meine Studie zu stigmatisieren. Immer dann, wenn sie mangels Fachkenntnis oder aufgrund politischer Opposition keine Gegenargumente innerhalb der geistig-politisch Auseinandersetzung – sofern diese überhaupt stattfindet! – finden (können), versuchen sie, das Buch nach dem altbekannten Schema mit Stigmata zu diskreditieren. Diesbezüglich gibt es ein typisches Beispiel aus jüngerer Zeit: Als selbst der etablierten Presse trotz beharrlichem Totschweigen meine Studie Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika? (Tübingen 22006) nicht länger verborgen blieb, daß ich hier den der deutschen Schutztruppe nachgesagten angeblichen Genozid endgültig widerlegt habe und diese Kenntnis bis in die Ministerien in Berlin vorgedrungen war, versuchte die etablierte Presse verzweifelt, wenigstens den Autor mit dem altbekannten Stigmata zu versehen. Das bundesdeutsche Lizenzblatt der ersten Stunde, die Frankfurter Rundschau, behauptete am 13. April 2006 beispielsweise, daß im Internet die »Schönredner der deutschen Kolonialverbrechen« – darunter meine Wenigkeit – den Ton angeben würden. Das mag zwar sein, aber schöngeredet habe ich nichts, nur richtig gestellt. Die Zeit verzweifelte schon am 5. August 2004 daran, daß die »Fachleute des Auswärtigen Amtes« sich nicht entblödeten (!), »Argumente des rechtsextremen Geschichtsforschers Claus Nordbruch zu übernehmen – der würde von »der ›Völkermordlüge‹ wie seinerzeit die Altnazis von der ›Kolonialschuldlüge‹« sprechen.
DGG: Glauben Sie nicht, daß das hier in Rede stehende Thema, obwohl Sie es wissenschaftlich behandelt haben, für gewisse Interessengruppen ein gefundenes Fressen ist, Sie weiter zu verleumden?
Es ist völlig irrelevant, was meine Gegner aus meinen vorgelegten Ergebnissen herauslesen und wie sie sie interpretieren mögen. Verhindern kann ich deren Unterstellungen und Interpretationen ohnehin nicht. Was ich wie jeder andere Wissenschaftler und sachkundige Publizist getan habe, ist eigenverantwortlich zu handeln. Ich habe nur dem eigenen Gewissen und der Fachwelt gegenüber Rechenschaft abzulegen. Nicht zu rechtfertigen habe ich mich jedoch vor irgendwelchen Politagitatoren und Berufsdenunzianten, die obendrein auch noch voneinander abschreiben.
Ich bekenne, daß ich der unerschütterlichen Auffassung bin, daß es in einem freiheitlichen Staat möglich sein muß, das Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben zu können, ohne von vornherein mittels Denkverboten daran gehindert zu werden und ohne, daß eine Diskussion, selbst auf wissenschaftlicher Basis, unmöglich gemacht wird.
»Betretenes Schweigen über ›die Judenfrage‹«, so schrieb schon vor über 40 Jahren der jüdische Historiker William S. Schlamm mit größtem Recht, »ist eine Kränkung der Juden«. Diese Einstellung haben im Laufe der Jahrzehnte immer wieder hervorragende Repräsentanten des Judentums vertreten. Der Gründervater des Zionismus, Theodor Herzl, beispielsweise hatte einst erklärt: »Die Judenfrage besteht. Es wäre thöricht sie zu leugnen. [...] Ich halte die Judenfrage weder für eine sociale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor Allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rathe der Culturvölker zu regeln sein wird. Wir sind ein Volk«. Auch dem jüdischen Soziologen Arthur Cohen war die kaum überschaubare Komplexität der Problematik bewußt: »Gibt es eine Judenfrage? Sonderbare Frage! Sehen wir sie doch überall! Fast möchte man sagen: es gibt nicht nur eine Judenfrage, sondern mehrere, eine große Anzahl, ja unendlich viele Judenfragen. Überall, wo wir hinsehen, gähnt uns eine Judenfrage entgegen«. Hans Rosenfeld hatte 1925 die »Lösung der Judenfrage« als ein »schwieriges, von den gegensätzlichsten Leidenschaften umstrittenes Problem« bezeichnet und sie als eine Lebensfrage für Juden empfunden. Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in England tätige, liberale französische Schriftsteller und Historiker Hilaire Belloc, seines Zeichens alles andere als ein Freund der Deutschen, hatte die Judenproblematik als eines der brisantesten Themen der Gegenwart erfaßt: Sie sei ein Problem, zu dem sich keine echte Parallele finden ließe. Aufgrund ihrer historischen und sozialen Bedeutung sei sie einzigartig. Sie sei ein Problem, vor dem man sich nicht drücken könne. Wolle man die Vergangenheit und Gegenwart verstehen, müsse man sich diesen Fragen stellen und sich offen mit ihnen auseinandersetzen.
Nein, mit William S. Schlamm möchte ich feststellen, daß Judenfragen keine gemeinen Erfindungen verdorbener Gehirne sind. Sie sind so wirklich und so schwierig wie das wirklichste und schwierigste Problem der menschlichen Existenz.
DGG: Auch wenn Sie in Ihrem Buch aufgrund der herrschenden Zensurlage nicht auf die Kritik bisweilen bedeutender alldeutscher, deutschnationaler und nationalsozialistischer Politiker detailliert eingehen konnten …
Das war weder Ziel noch Absicht meiner Arbeit.
… können sie uns doch ein Beispiel geben, das die gängige Schwarzweißmalerei in der Historiographie über das Dritte Reich gerade in Bezug auf die Judenpolitik in einem anderen Licht erscheinen läßt?
Der baltendeutsche Intellektuelle und spätere Chefideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg – als solcher direkter Gegenspieler von Dr. Joseph Goebbels –, schrieb in seinem Buch Blut und Ehre über die jüdische Machtstellung in der Weimarer Republik: »Wir stellen fest, daß, während die Juden in Deutschland 1% der Einwohnerschaft ausmachten, der Anteil z. B. der jüdischen Rechtsanwälte in Berlin nahezu 70% betrug, daß in den meisten Krankenanstalten Berlins der Prozentsatz der jüdischen Ärzte zwischen 60 und 90% schwankte, daß die Großbanken sich nahezu alle in jüdischen Händen befanden, die Presse Groß-Berlins und Frankfurts fast ausschließlich jüdisch geleitet war, daß somit das ganze Leben der Nation innen- und außenpolitisch von einer fremden Rasse beherrscht wurde, die dem Deutschtum in fast allen Punkten widersprach und seine Nöte gar nicht verstehen konnte«. Diese Angaben geben durchaus die Fakten wieder. Es ist eben falsch, diesen für die heutige Zeit zwar stilistisch unpassend klingenden Worte, nichtsdestotrotz aber überprüfbaren und empirisch belegten Aussagen, Rassenhaß zu unterstellen. Der Publizist Heinrich Härtle machte vor dreißig Jahren zu Recht darauf aufmerksam, daß gerade »weil Rosenberg die geistig-seelischen Grenzen zwischen Deutschen und Juden als das Entscheidende ansah«, er gewußt habe, »daß die Judenfrage nicht mit äußerer Gewalt gelöst werden konnte«. Noch im Angesicht seiner längst beschlossenen, unvermeidbaren Hinrichtung bekannte Alfred Rosenberg in seiner Todeszelle in Nürnberg: »Die Rassenkenntnis fordert nicht Rassenverachtung, sondern Rassenachtung«. Inwiefern nach diesem Leitsatz im Dritten Reich gehandelt wurde, steht freilich auf einem anderen Blatt. Rosenbergs Aussage wird aber nun deswegen nicht falsch, weil sie von einem Nationalsozialisten stammt, oder heutzutage besagter Themenbereich tabuisiert wird und einer politisch korrekten und geistlosen Leugnung gewichen ist. Es wäre ergiebig, sich hierüber Gedanken zu machen und der freien Forschung, der Geistesfreiheit eine Bresche zu schlagen. Dies wäre ganz besonders ergiebig, zumal die Rassenfrage im Judentum eine dominante Rolle einnimmt.
DGG: Haben sich Ihrer Meinung nach die Ressentiments der Deutschen gegenüber Juden geändert?
Ja. Im Laufe der vergangenen vier oder fünf Jahrzehnte haben sich die Auffassungen der Deutschen über Juden und das Judentum teilweise sogar sehr deutlich geändert. Der ›Bundeszentrale für politische Bildung‹ zufolge würde die Mehrheit der Deutschen die Juden als fest zusammenhaltende religiöse Gruppe sehen – was sie im übrigen erstrangig gar nicht sind. Dieses Festhalten an Tradition und Religion werde nicht mehr negativ bewertet. Vor allem in früheren Zeiten war öffentlich bekundete Kritik an Juden meist religiös motiviert. Ich habe in dem Buch Das Wesen des Antisemitismus (1932) von Heinrich Coudenhove-Kalergi, ein diesbezüglich bezeichnendes judenfeindliches Spottgebet aus dem späten neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhundert gefunden; es lautet: »O Herr, schick’ uns den Moses wieder, auf daß er seine Stammesbrüder heimführe ins Gelobte Land. Laß auch das Meer sich wieder teilen, und laß die beiden Wassersäulen fest stehn wie eine Felsenwand. Und wenn in dieser Wasserrinnen das ganze Judenvolk ist drinnen, dann, Herr Gott, mach’ die Klappe zu, dann haben wir arme Christen Ruh’«! Ein solches Spottgebet ist heute nicht mehr denkbar. Dies liegt an dem offenkundigen Bedeutungsverlust von christlicher Religion im allgemeinen (Säkularisierung), aber auch an der veränderten – eher philosemitischen – Haltung der christlichen Kirchen zum Judentum.
Um nochmals bei den Erkenntnissen der sogenannten Bundeszentrale zu bleiben: Sozialethische Verhaltensstandards wie ›Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Treue‹ und als solche bezeichnete Sekundärtugenden wie ›Ordnung, Sauberkeit, Fleiß‹ bewerteten im Durchschnitt nur 20 Prozent der Deutschen als typische Eigenschaften von Juden. Vor allem Ehrlichkeit und Treue würden Juden mit elf Prozent nur selten zugeschrieben. Hier ist also durchaus eine Konstante zu erkennen. Das traditionelle Bild vom ›häßlichen und feigen‹ Juden, der ›schwächlich und unsoldatisch‹ ist, habe sich hingegen fast völlig verloren. Wie ich in meinem Buch belege, ist diese Wandlung vollkommen zu recht eingetreten.
Das traditionell dominante ökonomische Stereotyp des geschäftstüchtigen Juden würde bis heute den Kern des antijüdischen Ressentiments bilden: 43 Prozent stimmen diesem negativen Bild zu. Ein nicht zu unterschätzender Grund hierfür dürfte darin liegen, daß gerade in den deutsch-jüdischen Beziehungen nach 1945 die Frage der genannten Wiedergutmachung eine zentrale Rolle gespielt hat und immer noch spielt. Dies hat bei nicht wenigen Deutschen das »Vorurteil« bestätigt, es ginge den Juden bei der Erinnerung an »den Holocaust« vorrangig um ökonomische Vorteile. Diese Einschätzung wird von jüdischen Intellektuellen wie Richard Chaim Schneider (Fetisch Holocaust) und Norman G. Finkelstein (Holocaust-Industrie) nicht gerade in Abrede gestellt.
DGG: Ist es überhaupt zulässig von ›den‹ Juden im Sinne von völkischer und religiöser Einheit zu sprechen?
Das ist im Grunde genommen ja eine der essentiellen Fragen, die ich in meinem Buch beantworte! Tatsächlich besteht das Volk der Juden, die ihrerseits wiederum in die ethnischen Hauptgruppen Aschkenazim und Sephardim unterteilt sind, aus einer Mischung höchst heterogener Rassen und Stämme. Schon in vorchristlicher Zeit waren die in Palästina lebenden Juden, die Israeliten, nicht reinrassig, sondern gemischt mit Volksangehörigen der Hethiter, Kanaaniter, Philister (die im übrigen keine Semiten waren), Ägypter, Phönizier, Griechen und Araber. Die im Laufe der Jahrhunderte anhaltende Diaspora hat viele weitere ethnische Elemente dem jüdischen Volk hinzugefügt, allen voran Chasaren und Slawen, wobei letztere, wie in der Forschung mittlerweile vermehrt vertreten wird, nichts anderes als Germanen sind. Aus diesem Grunde finden sich eklatante Unterschiede im äußeren, das heißt physiognomischen Erscheinungsbild unter Juden. Juden sind heterogen! Der jüdische Soziologe Abraham Léon hatte 1970 in seinem Buch Judenfrage & Kapitalismus mit größtem Recht resümiert: »Heute besteht z.B. keinerlei rassische Homogenität zwischen den jemenitischen Juden und den Juden von Daghestan. Die ersteren sind Orientalen, während die letzteren der mongolischen Rasse angehören. Es gibt schwarze Juden in Indien und äthiopische Juden (Falascha), ebenso wie jüdische ›Höhlenbewohner‹ in Afrika. [...] Diese wenigen Tatsachen zeigen bereits, daß die ›jüdische Rasse‹ nichts anderes als ein hohler Begriff ist. Die jüdische Rasse ist ein Mythos. Dagegen ist es richtig zu sagen, daß die Juden eine Rassenmischung darstellen, die sich von den Mischungen der meisten europäischen Völker, die hauptsächlich slawischen oder germanischen Ursprungs sind, unterscheidet«. Jedoch seien es nicht so sehr anthropologische Besonderheiten, die die Juden von anderen Völkern unterscheiden, sondern vielmehr physiologische, pathologische und vor allem psychische Kategorien. Diese sachlichen Feststellungen untersuchte ich auf ihren Tatsachengehalt und konnte sie letztlich bestätigen.
Es ist ebenso unsachlich wie dümmlich, ›dem‹ Juden allgemeingültige äußere Stigmata wie die obligatorische Hakennase oder Schläfenlocken anzudichten und sich damit auf das Niveau eines primitiven Schwarzweißdenkens zu begeben. Der bekannte amerikanische Wirtschaftsprofessor William Ripley beispielsweise stellte in seinem monumentalem Werk The Races of Europe (1900) noch die These auf, ›die‹ Juden seien generell »kleinwüchsig und oftmals verwachsen«. In geradezu diffamierender Weise zog auch Walther Rathenau über seine Volksgenossen her: »Um so mehr habt Ihr zu sorgen, daß inmitten einer militärisch straff erzogenen und gezüchteten Rasse Ihr Euch durch verwahrlost schiefes und schlaffes Einhergehen nicht zum Gespött macht. Habt Ihr erst Euren unkonstruktiven Bau, die hohen Schultern, die ungelenken Füße, die weichliche Rundlichkeit der Formen, als Zeichen körperlichen Verfalles erkannt, so werdet Ihr einmal ein paar Generationen lang an Eurer äußeren Wiedergeburt arbeiten«. Wie extrem schief diese denunzierende Selbstkritik liegt!
Ich empfehle jedem, der sich eine Vorstellung von der tatsächlichen Heterogenität unter Juden machen möchte, nicht die Mühe zu scheuen, sich hierzulande unbekannte israelische und jüdische Schauspielerinnen und Künstlerinnen anzusehen. Es ist ein ästhetischer Genuß, sich am Anlitz einer Noa Tishbi, Eden Hovtzi, Kim Iglinski oder Yael Bar Zohar zu erfreuen. Ganz zu schweigen von den vielen aus Israel stammenden jüdischen Spitzenphotomodellen für Damenunterwäsche, Kosmetika und Bademoden wie Moran Eisenstein, Hen Brownstein, Eden Berger, Ania Mendelshtem, Shelly Hazan oder gar Anna Bauman, Galit Gutman und allen voran Bar Refaeli, um nur ganz wenige jüdische Frauen beim Namen zu nennen, die die blödsinnigen Stereotypen Lüge strafen.
Aber auch ein Blick auf prominente Juden, also Zeitgenossen, von denen die meisten Nichtjuden eine Vorstellung haben, wie sie aussehen, läßt die ungeheure physiognomische Vielfalt im jüdischen Volk deutlich werden. Es ist unsinnig zu behaupten, man könne einem Menschen ›den‹ Juden ansehen. Man kann es nicht! Rassenfanatiker mögen hier vorlaut widersprechen. Gewiß mögen einige Stereotype beim Anblick von beispielsweise Alan Greenspan, Hans Habe, Franz Kafka, Lea Rosh, Menachem Begin, Hans Rosenthal, Karl Radek, Jeff Goldblum, Bernhard Weiss, Avraham Stern, Chaim Weizmann, Marcel Reich-Ranicki oder Simon Wiesenthal zu der Annahme verführen, einen Juden aufgrund äußerer Merkmale zu erkennen; die vermeintliche Berechtigung dieser Annahme wird aber bereits ad absurdum geführt, wenn wir uns im Vergleich hierzu das äußere Antlitz beispielsweise von Heinrich Heine, Heinrich Hertz, Fred Astaire, Leonard Nimoy, Yehudi Menuhin, Jennifer Rush, Mark Spitz, Helen Schneider, Boris Becker, Harrison Ford, Jane Seymour, Pete Sampras, Goldie Hawn oder Paul Newman vor Augen halten und erst recht, wenn wir die Physiognomie von Spike Lee, Sammy Davis jr., Lenny Kravitz oder Lisa Bonet nicht außer acht lassen. Im Vergleich zu diesen fällt das Bild von den oben genannten jüdischen Schauspielerinnen und israelischen Photomodellen besonders kraß aus.
Wir erkennen also bereits an diesen simplen Beispielen, daß Juden wie die meisten übrigen Völker dieser Erde – Ausnahmen mögen die Eskimo, die Pygmäen, die Buschleute (San) oder die Ureinwohner Papua-Neuguineas bilden – eben keine homogene Masse von Menschen sind, die generell anhand äußerlicher Merkmale klassifiziert werden könnten.
Aber auch ›innerliche Merkmale‹, wie Charakter, Lebensanschauung oder gar politische Überzeugungen, identifizieren niemanden per se als Angehörigen des jüdischen Volkes. Gerade am Beispiel jüdischer Intellektueller kann die oftmals grundlegende Unterschiedlichkeit unter Juden verdeutlicht werden: Die Auffassungen führender jüdischer Intellektueller – Publizisten, Historiker, Politiker – beispielsweise die von Victor Gollancz, Uri Avenry, Norman Finkelstein, John Sack, Hans-Joachim Schoeps, Ephraim Kishon, Israel Shahak, Moishe Arye Friedman, Norton Mezvinsky, Moshe Sharett, Ilan Pappe oder gar Bobby Fischer unterscheiden sich grundlegend von den Auffassungen beispielsweise eines Martin van Creveld, Moshe Dayan, Elie Wiesel, Michel Friedman, Ariel Muzicant, Alan Dershowitz, Shimon Peres oder Ehud Olmert. Es gilt also unbedingt festzuhalten, daß Juden weder physiognomisch noch ideologisch noch charakterlich eine homogene Einheit bilden. Juden vertreten keineswegs eine einzige politische Richtung und verfolgen auch kein einheitliches politisches Ziel. Diese Annahmen stammen aus leichtsinnigen Verwechslungen, Zionisten mit Juden und umgekehrt gleichzusetzen, oder gar an der verfehlten Meinung festzuhalten, alle Juden seien Freimaurer und umgekehrt. Noch nicht einmal das religiöse Judentum verfolgt eine einheitliche Ideologie! Würde man dies in Abrede stellen, hieße das, keinen Unterschied zwischen dem konservativen, orthodoxen, liberalen und reformierten Judaismus zu machen. Es hieße aber auch, Juden die Qualität abzusprechen, dogmatische oder liberale, atheistische oder orthodoxe, christliche oder muslimische, apolitische oder demokratische, nationalistische oder sozialistische Denkweisen vertreten zu können.
DGG: Wie würden Sie die grundsätzliche Botschaft Ihres Buches umschreiben?
Es herrscht auf dem Forschungsgebiet ›Judenfragen‹ ein erschreckendes Maß an Unkenntnis und Befangenheit, Nervosität und Sensibilität, Dilettantismus und politischer Agitation. Ich habe mich an der Unart, einseitig Zensurmaßnahmen und Unterschlagungen von Tatsachen und Argumenten zu unternehmen, nicht beteiligt. Die grundsätzliche Botschaft ist deshalb meiner Meinung nach, daß ich dargelegt habe, daß ›die‹ Juden weder in Israel noch in der übrigen Welt weder ethnisch noch religiös einen homogenen Block darstellen. Außer den diversen religiösen Strömungen, gibt es grundlegend unterschiedliche, selbst entgegengesetzte politische Richtungen. Die mit Abstand mächtigste ist gegenwärtig die zionistische Bewegung, die der Jude Theodor Herzl ins Leben gerufen hatte, mit dem erstrangigen Ziel in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen. Dieses von den Zionisten eroberte Israel – mit diesem umfangreichen Thema gilt es sich zu einem späteren Zeitpunkt detailliert auseinanderzusetzen! –, wird keineswegs nur von palästinensischen Organisationen bekämpft. Der zionistische Staat Israel wird von einer wachsenden Zahl Juden selbst abgelehnt. Diesbezüglich sind allen voran – wiederum zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen! – zu nennen: zum einen stehen viele liberale und reformierte Juden dem zionistischen Staat kritisch bis ablehnend gegenüber, zum anderen die thoratreuen Juden, die nicht zu verwechseln sind mit den orthodoxen Siedlern in den besetzten Gebieten im Westjordanland und im Gazastreifen. Die Thoratreuen sehen in der Staatsgründung gar ein Verbrechen gegenüber ›Gott‹. Ihrer Auffassung nach dürfe es einen Staat Israel erst geben, wenn ›der Messias wieder‹ erscheine.
Deutsche und Juden stehen seit Jahrhunderten, Europäer und Juden seit Jahrtausenden in einem ganz besonderen, in einem einzigartigen Verhältnis zueinander, das sowohl hervorragende Höhepunkte als auch gewaltige Tiefen hervorgebracht hat. Mein Buch ›Judenfragen‹ soll dazu beitragen, das zweischneidige Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden – vor allem zwischen Juden und Deutschen – sowie zwischen Zionisten und Anti-Zionisten, Sephardim und Aschkenazim deutlicher als dies bislang im Schrifttum geschehen ist, zu begreifen. Noch heute begehen viele Kritiker bei ihrer Beurteilung der Judenfragen immer wieder die gleichen Fehler. Sie sind nicht imstande oder nicht willens zwischen geistlichen und weltlichen Juden, zionistischen und antizionistischen Juden, ja oftmals noch nicht einmal zwischen Juden, Zionisten und Israelis zu differenzieren, geschweige denn, die im Judentum auftretenden religiösen Richtungen wie orthodox, reformiert, talmudgläubig, thoragläubig oder chassidisch zu erkennen, sie entsprechend voneinander zu trennen und gesondert zu beurteilen. Diese Unterscheidungen zu treffen, ist jedoch die grundsätzliche Voraussetzung, um die gesamte Problematik der Judenfragen zu erfassen, mit ihr zielgerichtet umzugehen und auf diese Weise einen entscheidenden Beitrag zur Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden zu leisten.
Es gilt das gedruckte Wort.
Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart (Tübingen), Heft 4/2006,
S. 34-39