2005 - das 60. Jahr der »Befreiung«

In den ersten Jahrzehnten nach der militärischen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht sprachen zunächst nur die neuen Machthaber in Mitteldeutschland von einer »Befreiung«. Mitte der achtziger Jahre, dank Richard von Weizsäcker, fand dieses Gehirnwäsche-Idiom, auch Zugang in den westlichen Teil Deutschlands, und damit notgedrungen auch in Österreich.

Wenn ein deutscher Politiker im Mai 1945 erklärt hätte, nach 60 Jahren würden die Deutschen die bedingungslose Kapitulation als ihre »Befreiung« feiern, dann dürfte dieser Volksvertreter zum damaligen Zeitpunkt auf das werte Befinden seines Geisteszustandes angesprochen worden sein. Heute hat sich das Dogma von der Befreiung entgegen der historischen Tatsachen jedoch durchgesetzt.

Wovon wurden wir Deutschen 1945 befreit? Von der Tyrannei, die die absolute Mehrheit der Deutschen nicht als solche empfunden hat? Befreit wurden wir jedenfalls von über drei Millionen Frauen und Kindern, die auf der Flucht vor sie befreienden Sowjettruppen, Polen und Tschechen grausam zu Tode kamen. Befreit wurden wir Deutschen auch von über einem Drittel deutschen Bodens, der Jahrhunderte den Osten unseres Reiches bildete. Befreit wurden wir von Millionen Angehörigen unseres Volkes, die in den Feuerstürmen der Terrorangriffe der Briten und US-Amerikaner auf unsere Städte elend verbrannten. Befreit wurden wir von über einer Million deutscher Kriegsgefangener, die durch vorsätzlichen Massenmord mittels Hungerblockade in den Rheinlagern der Franzosen und US-Amerikaner nach der Kapitulation verhungerten bzw. ohne ärztliche Fürsorge zu erhalten im wahrsten Sinne verreckten. Befreit wurde unser Volk von Hunderttausenden Patenten, Kunstschätzen, Baudenkmälern, Industrieanlagen, staatlichem wie privatem Vermögen und von seiner geistigen Elite.

Befreit wurde wir, jedenfalls diejenigen unter uns, die dem Druck nachgaben, endlich von unserem Geist, denn die vielleicht folgenreichste Befreiung ging Hand in Hand mit der Umerziehung. Diese Re-education, eine besondere Variante der Besiegung des Feindes, wurde angewandt, da die nach dem Ersten Weltkrieg künstlich herbeigeführte materielle Not der Deutschen sich zu deren geistiger Unterwerfung nicht bewährt hatte. Mittels der Umerziehung jedoch, radikale Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von Gehirnwäsche, wurden die Deutschen als Volk mit gewachsener Kultur und gemeinsamer Geschichte quasi kollektiv in einen geistigen Ausnahmezustand versetzt, der seinen Höhepunkt in der Entmündigung der Deutschen erreicht hat. Was in jahrhundertelangem Kampf ums Dasein - ich spreche hier ausdrücklich nicht von territorialen Erwerbungen, so sondern von Erkenntnissen und Werten! - erworben, entwickelt und geschaffen wurde, galt fürderhin als inopportun und war umzuwerten, abzuschaffen, zu verbieten oder zu vernichten. Anstelle der Selbstachtung trat der Selbsthaß, anstelle der Souveränität die Anbiederung und Abhängigkeit.

Möglich ist dieser Zustand freilich nur solange wie das Fundament, auf dem die BRD aufgebaut ist - Anerkennung der doppelten Kollektivschuld! - besteht. Und das wird nicht ewig sein. Der endgültige Schluß der deutschen Geistesgeschichte wird es jedenfalls nicht sein, daß der freie Zugang zu Information verwehrt und die freie Forschung ad absurdum geführt wird, die freie Meinungsäußerung von strafrechtlicher Relevanz sein kann und die offizielle Geschichtsschreibung gesetzlich geschützt werden muß. Die Deutschen werden sich von der "Befreiung" befreien müssen, wollen sie wieder zu sich finden und als gleichberechtigte Partner in einer echten Gemeinschaft freier Völker leben. Die Deutschen wären keine Deutschen, wenn sie diese gewaltige Aufgabe nicht anzupacken wagen würden. Das Jahr 2005 bietet hierzu genügend Anlaß.

© Euro-Kurier, Nr. 1/2005


Das Standardwerk zum Thema »Befreiung«:
Claus Nordbruch, Der deutsche Aderlaß, Klappenbr., viele Abb., 510 Seiten, 17,80 €